Die Rolle von Narrativen in sozialen Systemen
Neugestaltung des Arbeiterklassennarrativs in Großbritannien
Das Centre for Labour and Social Studies (CLASS) berichtet von seinem Ansatz, inklusive und vielfältige Narrative für die britische Arbeiterklasse zu erarbeiten, um dem spaltenden öffentlichen Diskurs durch neue Erzählmuster entgegenzuwirken.
In Großbritannien verwenden manche Politiker:innen und Medien der politischen Rechten identitätspolitische Narrative, um die multiethnische Arbeiterklasse anhand von Ethnie und Klasse zu spalten. Sie erzählen die Geschichte vom Vereinigten Königreich, das einst eine große souveräne Nation gewesen sei und nunmehr von fremden Mächten gelähmt werde. Seit Jahren schon gebe das „woke“ Establishment Immigrierten und ethnischen Minderheiten den Vorrang, während die weiße Arbeiterklasse das Nachsehen habe und in ihrem eigenen Land zu Bürger:innen zweiter Klasse werde. Sie sagen, die Linke verabscheue den oder die einfache(n) Arbeiter:in und verlange von ihm, sich für seine Geschichte, seine Vorfahren und seine Hautfarbe zu schämen. Das britische Volk müsse mutig seine Werte verteidigen und das Land wieder unter seine Kontrolle bringen.
Dieses Narrativ rassifiziert die Arbeiterklasse als weiß, behauptet deren Hegemonie und rückt dabei die Wahrheit in den Schatten: Von der Zuckerrohrernte auf Fidschi bis zu den „dunklen Teufelsmühlen“ im viktorianischen London war die britische Arbeiterklasse immer multiethnisch.
Leider bieten Progressive auch keine alternative Erzählung gegen das Narrativ von der „britischen Gesellschaft“, die als weiße, heteronormative, imperialistische „Ingroup“ definiert wird. Ganz im Gegenteil, sie haben sogar zu dieser spaltenden und polarisierenden Rhetorik beigetragen: Erstens redeten sie aus Furcht vor der Reaktion nicht direkt über Rassifizierung oder Immigration und erzeugten so ein Vakuum, das die Opposition mit ihrem Narrativ füllen konnte. Zweitens wiederholten sie bei ihren Erwiderungen immer die Erzählung der anderen Seite und gaben ihr damit mehr Aufmerksamkeit.
Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen. Wir brauchen unsere eigenen Geschichten, welche die vielfältigen Realitäten der multiethnischen Arbeiterklasse sichtbar machen. Wir müssen jede Gelegenheit ergreifen, geschlossen für unsere wichtigsten Themen einzustehen, für unsere gemeinsamen Werte und die Vision von der Gesellschaft, die wir sein wollen. Vor allem müssen wir ein kollektives „Wir“ schaffen und klar sagen, wer dazugehört: Menschen aller Ethnien, Nationalitäten und Geschlechter.
Diversifizierung des Gender-Narrativs in Mexiko
Der mexikanische Verein Cultivando Género schreibt darüber, warum ein einseitiges Gender-Narrativ den vielfältigen, gelebten Realitäten von Frauen in Lateinamerika nicht gerecht wird.
In Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern fordern feministische Bewegungen, Organisationen, Kollektive und Akademikerinnen, dass öffentliche Einrichtungen die Genderthematik in ihren Projekten und Programmen berücksichtigen. Soziale Ungleichheit betrifft jedoch nicht nur das Geschlecht, sondern auch andere gesellschaftliche Kategorien. Überall in der Welt zeigt die COVID-19-Pandemie heutzutage die komplexen Strukturen der Ungleichheit auf, in denen wir leben.
Da die soziale Unsicherheit der gesamten Bevölkerung in der Pandemie zugenommen hat, fordert die Gesellschaft von der Regierung mit immer mehr Nachdruck wirtschaftliche Unterstützung, Programme zur Minimierung von Geschäftsschließungen, Lohnfortzahlungen usw. Gleichzeitig tritt ein neues Narrativ in Erscheinung, von einem Leben in der Pandemie, das die Geschichte eines Privilegs idealisiert: Die Familie kann zu Hause bleiben und dennoch mit der Außenwelt verbunden sein.
Doch nicht alle Frauen können zu Hause bleiben. Was ist mit Frauen in informellen Arbeitsverhältnissen? Mit unbezahlter Care-Arbeit? Was haben sie von dem Narrativ der Verbundenheit in der Quarantäne? Und haben alle Frauen überhaupt die gleichen Bedürfnisse? Durchleben und erfahren alle Frauen die gleiche Unterdrückung?
Das lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Es ist komplexer, und mithilfe des Begriffs „Intersektionalität“ lässt sich diese Komplexität sichtbar machen. Hat eine Person einen weiblich wahrgenommenen Körper oder identifiziert sie sich als Frau, erfährt sie eine Reihe von Unterdrückungen, nur weil sie eine Frau ist. Weitere Ungleichheiten und Diskriminierungen kommen hinzu, wenn sich andere Faktoren dazugesellen, wie etwa Religion, sexuelle Orientierung oder Klasse. Diese Mehrfachdiskriminierungen steigern dabei die Erfahrung eines Lebens am Rande der Gesellschaft: als Frau, als homosexuelle Frau, als indigene homosexuelle Frau usw.
Wir fordern, dass Regierungsinstitutionen eine Politik verfolgen und Programme einrichten, die für alle Frauen mit ihren diversen Identitäten eine angenehme und förderliche Umgebung schaffen. Dafür müssen Frauen in ihrer ganzen Vielfalt in der Gesellschaft sichtbar sein. Es braucht ein anderes Narrativ! Wir müssen Geschichten erzählen, in denen sich alle Frauen wiederfinden, Mütter, Arbeiterinnen, Indigene, Reiche und Arme. Und wir müssen das als Frauen vereint angehen. Ein intersektionales Narrativ ist ein Narrativ, das sowohl divers als auch verbindend ist.
Wanderarbeiterinnen in Indien sichtbar machen
Die indische Stiftung Dasra gibt einen Einblick in ihre Arbeit mit Wanderarbeiterinnen, die in Indien durch das bestimmende Narrativ unsichtbar bleiben. Durch gemeinsame Gespräche und die Erstellung von Materialien soll mehr Sichtbarkeit im gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht werden.
Die hohe Bevölkerungszahl Indiens führt unausweichlich zum Zusammenprallen widersprüchlicher Stimmen und Meinungen. Trotzdem wird die Öffentlichkeit von lediglich einem Zukunftsnarrativ dominiert, welches vom Potenzial einer hohen demografischen Dividende, von schnell skalierbaren digitalen Technologien und von Infrastrukturausbau erzählt. In dieser arbeitsintensiven Volkswirtschaft bleiben paradoxerweise die 450 Millionen Arbeitskräfte, die das Land am Laufen halten, unsichtbar. Warum das so ist? Wegen systemischer Barrieren und unserer kollektiven Teilnahmslosigkeit. Zu Beginn der Pandemie hatten die informell Beschäftigten, rund 90 Prozent von Indiens Arbeitskräften, auf einen Schlag keinen Tagelohn mehr. Da viele von ihnen innerhalb des Landes für die Arbeit migriert sind, mussten Millionen die Städte verlassen und auf dem Heimweg Tausende Kilometer zu Fuß zurücklegen. Die Krise brachte die allgemeine Öffentlichkeit dazu, die Anliegen dieser Leute wahrzunehmen, und doch blieb es bei einigen wenigen und vernachlässigbaren Datenerhebungen und Diskussionen zur Identität dieser Menschen.
„Wer“ sind diese wehrlosesten Arbeitskräfte Indiens? Warum kann sich die halbe Bevölkerung des Landes nur notdürftig am Leben halten? Antworten auf diese entscheidenden Fragen stehen noch aus. Das indische Recht erkennt die ungleichen Machtverhältnisse von Individuen und Gruppen zwar an, weshalb es auch gezielte Fördermaßnahmen gibt. Das reicht aber nicht aus. Wenn Ungleichheiten wirklich verringert werden sollen, müssen betroffene Gruppen aktiv am Prozess der Gesetzes- und Politikentwicklung beteiligt werden.
Bei Dasra haben wir Initiativen ins Leben gerufen, welche die unsichtbaren Arbeitskräfte der indischen Wirtschaft in den Mittelpunkt stellen, die prekär beschäftigt sind und aus Not zu einer entfernt gelegenen Arbeitsstelle ziehen müssen. Zu ihnen zählen besonders viele Frauen, deren Arbeit abgewertet, unterbezahlt oder überhaupt nicht entlohnt wird. Wir zeigen die durch Geschlecht, Kaste und Volksgruppe verstärkten Diskriminierungserfahrungen der Wanderarbeiterinnen in unserer Arbeit auf und machen diese Bevölkerungsgruppe somit sichtbar. Durch eine Reihe von Gesprächen werden wir die verschiedenen Identitäten der Wanderarbeiterinnen dokumentieren und untersuchen, welchen Einfluss unterschiedliche Kontexte auf ihren Alltag haben. Wir wollen über die Mainstream-Darstellungen hinausgehen, die die Tätigkeit von Wanderarbeiterinnen und die von ihnen erlebte strukturelle Diskriminierung nur begrenzt wiedergeben. So sollen Wanderarbeiterinnen mit ihren vielfältigen Identitäten und Realitäten im gesellschaftlichen Diskurs Sichtbarkeit erfahren.
Im Programm „Reducing Inequalities Through Intersectional Practice“ fördert die Robert Bosch Stiftung elf Partner:innen aus aller Welt, die gemeinsam lernen, wie sie Intersektionalität zur Stärkung sozialer Gerechtigkeit einsetzen können. In einem Workshop haben sie über die Entwicklung eigener Narrative diskutiert, die ihre gelebten Realitäten widerspiegeln.