„In Kanada gibt es ein echtes Gefühl von Zugehörigkeit“

Die kanadische Einwanderungs- und Integrationspolitik gilt international als vorbildhaft. Ferdinand Mirbach, Senior Experte im Thema Einwanderungsgesellschaft bei der Robert Bosch Stiftung, war in Kanada, um herauszufinden, was das Land anders und besser im Umgang mit Zugewanderten macht.

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Kanada Interview 1600

Worauf sollte man unbedingt zuerst schauen, wenn man Kanada als Einwanderungsland verstehen möchte?

Auf seine geographische Lage und seine Geschichte. Kanada ist von drei Seiten von Meer umgeben, die einzige Landgrenze besteht mit den USA; durch bilaterale Abkommen kommt es aber kaum zu irregulären Grenzübertritten. Durch diese Geographie ist eine reguläre Einreise fast nur per Flugzeug möglich, was den kanadischen Behörden maximale Kontrolle über Zuwanderung ermöglicht. Gleichzeitig versteht sich Kanada in seiner historischen DNA als Einwanderungsland und war vom ersten Tag an auf Zuwanderung angewiesen. Die schrittweise Transformation zu einer heute modernen post-industriellen Nation konnte nur mit einer stetigen Zuwanderung von Menschen aus aller Welt gelingen – und auch zukünftig wird Kanada auf Zuwanderung angewiesen bleiben, um als Land erfolgreich zu bleiben und den Lebensstandard seiner Bürger:innen halten zu können.

700

Anzahl der „Immigration and Settlement Services“

Wie sehen das kanadische Einwanderungssystem und die Integrationsmaßnahmen konkret aus?

In der Regel kommen die Menschen über einen von vier zentralen Zugangswegen nach Kanada: Fachkräftezuwanderung, zeitlich begrenzte Arbeitserlaubnis, Familienzusammenführung oder Programme für Geflüchtete. Besonders gefördert wird der Weg für die Fachkräftezuwanderung, der auf einem Punktesystem fußt, das neben Sprachkenntnissen, Bildungsgrad und Arbeitserfahrungen vor allem das Vorliegen eines Jobangebots honoriert. 2019 erhielten in Kanada mehr als 340.000 Zugewanderte eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, was etwa einem Prozent der kanadischen Gesamtbevölkerung entspricht. 

Die nötige Unterstützung für diese vielen Menschen übernehmen in der Regel vom Staat finanzierte zivilgesellschaftliche „Immigration and Settlement Services“. Mehr als 700 solcher Organisationen landesweit bieten Sprachkurse, Arbeitsmarktberatung oder soziale Dienstleistungen an, wie bspw. die Unterstützung bei der Wohnungssuche. Sie sind ein zentraler Baustein für die erfolgreiche Inklusion von Neuzugewanderten in Kanada.

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Mirbach Ferdinand

„Pluralismus und die Akzeptanz von Diversität gehören für Kanadier:innen zum Selbstverständnis ihrer Heimat. Jeder und jede darf hier so sein, wie er oder sie ist – und gehört dazu.“

Ferdinand Mirbach, Senior Experte der Robert Bosch Stiftung

Kanada hat nicht nur hohe Einwanderungszahlen, viele Menschen bleiben auch gerne. Was macht das Land zu einer erfolgreich inklusiven Gesellschaft?

Das Fundament für Kanadas erfolgreiche Integrationspolitik setzt sich aus unterschiedlichen Bausteinen zusammen. Dazu gehört zum einen die öffentliche Meinung, die in Kanada klar Pro-Zuwanderung positioniert ist. 2018 sagten in einer Umfrage 80 Prozent, dass Zuwanderung positive ökonomische Auswirkung habe. Zum anderen belegen Studien das liberale Denken der Kanadier, für die Pluralismus und die Akzeptanz von Diversität zum Selbstverständnis ihrer Heimat gehören. Jeder und jede darf hier so sein, wie er oder sie ist – und gehört dazu.

Ein weiterer Baustein ist der relativ einfache Zugang zur Staatsangehörigkeit: Mit einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung kann man bereits nach drei Jahren die kanadische Staatsangehörigkeit erwerben. Auch eine doppelte Staatsangehörigkeit ist häufig möglich. 

Zu guter Letzt denkt Kanada die Inklusion über die Staatsangehörigkeit hinaus als echte Teilhabe an der Gesellschaft. Die zugewanderten Menschen sollen sich als ein gewollter, wichtiger und integraler Bestandteil der kanadischen Bevölkerung fühlen. Dafür setzen sich sowohl Staat als auch Zivilgesellschaft mit unterschiedlichen Maßnahmen und großem Engagement ein. Dieser Aspekt in Kanadas Inklusionspolitik steht für das kanadische Erfolgsrezept – und sollte meines Erachtens auch in anderen Einwanderungsländern eine wichtigere Rolle spielen: die Schaffung eines echten Gefühls von Zugehörigkeit.

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