Lars Sonntag steht allein an einem runden Tisch im Untergeschoss des Flensburger Rathauses und öffnet eine kleine Flasche Wasser. Er ist etwas früh dran. Der Raum ist noch fast leer und groß wie ein Schwimmbad, von schweren Betonträgern gestützt. Viele kleine Lampen strahlen von der hohen Decke. Am hinteren Ende ist ein Halbkreis aus dreißig Stühlen aufgebaut. Sonntag nimmt einen Schluck Wasser, während sich ein Mann und eine Frau zu ihm gesellen, Autofahrer, wie er. Sie reden über Staus und Parkplatzsuche.
Drei Monate zuvor hatte Sonntag einen Brief in der Hand, Absender: die Stadt Flensburg. „Ich dachte erst, ich bin geblitzt worden“, erzählt er. Doch es war eine Einladung, an einem Bürgerrat teilzunehmen. Wäre er bereit, sich an vier Wochenendtagen im April und Mai 2026 mit 29 anderen Menschen zu treffen, um die Verkehrssituation ihrer Stadt zu diskutieren? Die Gruppe werde konkrete Handlungsempfehlungen für die Kommunalpolitik ausarbeiten, so habe es die Ratsversammlung der norddeutschen Stadt beschlossen. Diese Einladungen wurden an 1.500 zufällig ausgeloste Einwohner verschickt.
Wissen zum Thema Bürgerräte
Was macht ein Bürgerrat?
Bei Bürgerräten diskutieren zufällig ausgeloste Bürgerinnen und Bürger in professionell moderierten Prozessen ein politisches Thema und entwickeln gemeinsam Handlungsempfehlungen für die Politik. Die zufällige Auswahl der Teilnehmenden soll dabei sicherstellen, dass alle Bevölkerungsgruppen beteiligt werden und nicht nur die lautstarken Ränder der Gesellschaft zu Wort kommen.
Wie funktioniert die Auslosung für einen Bürgerrat?
Für den Bürgerrat dieser Reportage hat die Stadt Flensburg 1.500 Bürgerinnen und Bürger angeschrieben, wobei zunächst nach Stadtteil, Geschlecht und Alter gefiltert wurde. In einem zweiten Schritt wurden die Personen, die sich zurückgemeldet haben, nach Mobilitätsverhalten, Bildungsstand und Migrationshintergrund gewichtet und schließlich 30 Teilnehmer ausgelost, die etwa der Bevölkerungszusammensetzung Flensburgs entsprechen. Personen, die sich nach drei Wochen nicht zurückgemeldet hatten, wurden eigens aufgesucht, um sie von einer Teilnahme zu überzeugen.
Sonntag ist 53 Jahre alt, Kranführer, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Wie viele der anderen Ausgelosten hatte er bislang mit Politik nur wenig zu tun. „Ein, zwei Mal habe ich ernsthaft überlegt, in die Politik zu gehen“, sagt er, „aber das sind Spinnereien, ich habe nicht das Zeug dazu.“ Die Sache mit dem Bürgerrat interessierte ihn allerdings. „Es war cool, dass sie damit auf mich zukommen“, erinnert er sich. Er sagte direkt zu, per E-Mail.
Losbasierte dialogische Formen der Bürgerbeteiligung gibt es seit 1972 in Deutschland – mal hießen sie Bürgerrat, mal Planungszelle, Bürgerdialog oder auch Bürgerforum. Doch sie hatten bislang eine Schwäche: „Allzu oft landen gute Empfehlungen in der Schublade“, sagt Gordian Haas, der für die Robert Bosch Stiftung das Thema begleitet. Die Stiftung fördert das Projekt Klima trifft Kommune, das den Bürgerrat in Flensburg und weitere in drei anderen Kommunen durchführt.
„Beim Bürgerrat in Flensburg gibt es eine wichtige Neuheit“, erklärt Haas. Im Anschluss an das Verfahren wird 2027 ein Bürgerentscheid durchgeführt, bei dem alle Wahlberechtigten darüber abstimmen, ob einige der Empfehlungen des Bürgerrats umgesetzt werden. Stimmen sie mit ja, werden diese in gültiges Gesetz übertragen. Der Bürgerrat mündet also, so der Plan, in konkreten Folgen.
Die Beteiligten: „Ein Querschnitt der Gesellschaft“
Der große Raum im Rathaus ist inzwischen gut gefüllt. Das Thema des Tages lautet: Wie soll damit umgegangen werden, wenn Fußgänger, Radfahrende, Öffentliche Verkehrsmittel und Autofahrende in der Stadt um Platz konkurrieren? Auch Milen Steensen wartet darauf, dass es losgeht. „Es wird spannend“, sagt die 25-jährige Lehramtstudentin. „Hier sind sehr unterschiedliche Menschen vertreten, ein echter Querschnitt der Gesellschaft.“ Sie ist zu Fuß gekommen und erzählt, dass sie in ihrer Stadt viel Fahrrad fährt und spazieren geht.
Um zehn Uhr setzen sich die Teilnehmer in den Halbkreis. Vier Moderatorinnen und Moderatoren stellen sich vor, es folgt ein Vortrag zum Stand der Mobilitätswende. Dann dürfen die Bürgerrätinnen und Bürgerräte einen Bonbon aus einem Korb nehmen. „So teilen wir euch den Arbeitsgruppen zu“, erklärt eine Moderatorin. Fünf Geschmacksrichtungen, fünf Kleingruppen. „Alle Kirschen bitte hier an den Tisch!“ ruft jemand von hinten.
Sonntags Kollegen waren skeptisch: „Da geht es doch eh nur um die Fahrradfahrer“
Wenig später sitzt Lars Sonntag mit vier anderen am „Zitronen“-Tisch. Vor ihm eine Karte der Innenstadt. Die Aufgabe: Sie sollen sich auf drei Themen einigen, die ihnen am wichtigsten sind. „Ich habe Angst, dass ich nicht mehr zum Arzt komme, wenn die Innenstadt autofrei wird“, sagt Sonntag. „Der Bus ist ja nicht immer pünktlich.“ Ein Radfahrer, der neben ihm sitzt, wendet sich direkt an ihn. „Du als Autofahrer bist Teil des Problems, auch für die, die mit dem Bus fahren. Denn du bist der Stau, in dem sie stecken.“ Sonntag scheint kurz nachzudenken. Die anderen schauen ihn an. Dann sagt er: „Da hast du recht.“
Nach einer halben Stunde haben die „Zitronen“ ihre drei Themen an eine Stellwand geklebt: Qualität der Infrastruktur, Parkplätze – und Geld. Mit dem letzten Punkt meinen sie, dass alle Verbesserungen finanziert werden müssen, aber auch, dass der Nahverkehr schlichtweg zu teuer ist.
In der Mittagspause, auf dem Weg zum Büffet, reflektiert Lars Sonntag den Vormittag. „Das ist nicht mehr auf Stammtischniveau“, sagt er. „Du musst viele Menschen zufriedenstellen, das ist schon sehr umfangreich und komplex.“ An seinem Arbeitsplatz, auf der Baustelle, hätten die Kollegen in den Wochen zuvor seine Entscheidung belächelt, am Bürgerrat teilzunehmen. „Es geht doch eh nur um die Fahrradfahrer“, hieß es. Aber er werde ihnen vom Bürgerrat erzählen, wie es tatsächlich war. Fürs erste ist sein Ziel: So gut wie möglich seinen Beitrag zu leisten. Und nicht emotional zu reagieren.
„Wissenschaftlich ist gut belegt, dass solche Formen der Bürgerbeteiligung das Vertrauen in die Politik stärken.“
Dass die unterschiedlichsten Menschen miteinander ins Gespräch kommen, gehört zum Konzept des Bürgerrats. Gordian Haas erläutert, warum die Robert Bosch Stiftung von der Methode überzeugt ist. „Durch die zufällige Auswahl der Teilnehmer kommen nicht nur die lautstarken Ränder der Gesellschaft zu Wort, sondern auch die schweigende Mehrheit“, sagt er. Dadurch könnten oft bessere Lösungen gefunden werden, die von mehr Menschen mitgetragen werden. „Außerdem ist wissenschaftlich gut belegt,“ sagt Haas, „dass diese Formen der Bürgerbeteiligung das Vertrauen in die Politik stärken und die Beteiligten anschließend eine größere Bereitschaft haben, sich auch zukünftig politisch zu engagieren“.
Das Ergebnis könnten also, so Haas, nicht nur wertvolle Empfehlungen sein, sondern außerdem ein wichtiger Beitrag, um der wachsenden Politikverdrossenheit entgegenzuwirken.
Nach der Mittagspause wird es im Flensburger Rathaus konkret: An den Gruppentischen sollen Handlungsempfehlungen erarbeitet werde. Die „Erdbeeren“ an Milen Steensens Tisch haben schnell einen Problembereich identifiziert. „Am Busbahnhof ist keine richtige Fußgängerüberquerung“, sagt Steensen. „Man muss warten und dann irgendwann rennen – und dann kommt ein Bus um die Ecke und man muss Glück haben, dass man heil rüberkommt.“ Wahrscheinlich, wirft jemand ein, müsse man den Bereich komplett neu planen. „Mit einer Fußgängerbrücke“, schlägt ein älterer Teilnehmer vor. „Aber barrierefrei?“ entgegnet Steensen. „Och, Mann!“ ruft ihr Gegenüber und hebt die Arme, eine Geste der Hilflosigkeit. Alle lachen.
Angeleitet von ihrer Moderatorin fassen sie schließlich drei Problembereiche auf Kärtchen zusammen und stellen sie dann, wie auch die anderen Gruppen, in der großen Runde vor. Mit Hilfe von Expertinnen und Experten der Stadtverwaltung haben sie auch einzelne Lösungsansätze erarbeitet.
Lars Sonntag ist stolz auf das Geschaffte, er nennt es ein Gemeinschaftswerk
Kurz nach 17 Uhr ist Schluss für den Tag. Lars Sonntag ist geschafft. „Das war eine Menge Arbeit“, sagt er, „ich hätte nicht gedacht, dass wir so tief in die Details einsteigen!“ Während die Moderatoren einpacken, ein paar andere noch in kleinen Gruppen zusammenstehen, ist Sonntag schon auf dem Weg nach draußen. Er steigt in seinen Ford Kuga und fährt nach Hause.
Anderthalb Monate später, auch die vierte und letzte Sitzung des Bürgerrats ist beendet. Die Teilnehmer haben 29 Empfehlungen formuliert, unter anderem eine für Tempo 30 im Innenstadtbereich. Die Sperrung einer zentralen Einkaufsstraße am Hafen für den Autoverkehr hat hingegen keine Mehrheit bekommen. Nun sind Politik und Verwaltung dran: Sie werden aus den Empfehlungen diejenigen auswählen, die klar formuliert, konkret und umsetzbar sind, und zu denen auch eine Kostenschätzung möglich ist. Über diese Auswahl werden die Wahlberechtigten dann am 18. April 2027 abstimmen.
Anruf bei Lars Sonntag. Wie blickt er heute auf den Bürgerrat und seine Ergebnisse? „Also, jetzt gerade habe ich mich mal wieder durch das Flensburger Baustellenchaos gekämpft“, sagt er lachend. Doch er ist stolz auf das Geschaffte, nennt es ein Gemeinschaftswerk. „Es gab unterschiedliche Meinungen, aber man hat immer einen gemeinsamen Nenner gefunden. Auch die Autofahrer sind gehört worden.“ Zwar habe er schon Stimmen aus seinem privaten Umfeld gehört, die sich über die Tempo-30-Empfehlung aufregen. „Aber ich erkläre denen das gern, auch meinen erwachsenen Söhnen. Wenn sie schneller fahren wollen, dann müssen sie das außerhalb der Stadt tun.“
Persönlich habe er Verständnis für die Politiker gewonnen, auch wenn ihn die Verkehrslage als Autofahrer immer noch nerve, sagt Sonntag. „Man sollte auch die Hintergründe kennen, bevor man flucht, und die verstehe ich jetzt besser.“ Zwei Dinge nehme er vor allem aus dem Bürgerrat mit: Die Zuversicht, dass an guten Lösungen gearbeitet werde und die Erkenntnis, „dass es in allen Altersgruppen sehr viele nette Menschen in Flensburg gibt.“
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