Der Internationale Tag des Krieges und die kühne Kraft des Friedens

Krieg beherrscht die Schlagzeilen, Frieden bleibt oft unsichtbar. Richard von Weizsäcker-Fellow Sanam Naraghi Anderlini wirbt in ihrem Meinungsbeitrag dafür, den Blick auf die Frauen zu richten, die Konflikte entschärfen, Gemeinschaften versöhnen und Frieden möglich machen.

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Eine große Gruppe von Frauen steht in einem Hof uns winkt in die Kamera. Das Bild zeigt Friedensstifterinnen auf einer Versammlung auf den Malediven 2025

In Europa liegt derzeit etwas in der Luft, das Krieg als unvermeidbar erscheinen lässt. Dabei bleibt meist unklar, gegen wen wir eigentlich kämpfen würden, warum oder auf welche Art von Krieg wir uns vorbereiten. Von der Politik bis zu den Abendnachrichten herrscht eine morbide Faszination für Krieg und seine Akteure: Staaten, die ihre technologisch hochgerüsteten Tötungsmaschinen einsetzen; zusammengewürfelte Milizen wie die sandalentragenden Huthis, die es mit mächtigen Seestreitkräften aufnehmen; Selbstmordattentäter:innen, insbesondere wenn es sich um Frauen handelt. 

Doch am Internationalen Tag des Friedens lohnt es sich vielleicht, den Blick auf den Frieden zu richten. Was wissen wir über die Menschen, die ihn schaffen und bewahren?

Die oft übersehenen Friedensstifterinnen

Seit dreißig Jahren fasziniert mich diese oft unsichtbare Welt. Sie wird von Frauen aus allen Lebensbereichen geprägt: einer jemenitischen Dichterin, die zur Vermittlerin wurde; einer irakischen Lehrerin, die zwei Söhne durch Gewalt verlor und heute junge Menschen vor Extremismus schützt; syrischen Frauen, die Gemeinschaften über tödliche Gräben hinweg wieder versöhnen. Dort, wo die Welt wegschaut, arbeiten Friedensstifterinnen beharrlich weiter daran, Frieden zu erhalten, neu zu denken und aufzubauen.

Gewalt verursachte im Jahr 2025 weltweit Kosten von mehr als 21 Billionen US-Dollar. Man stelle sich vor, Friedensakteur:innen verfügten über vergleichbare Ressourcen oder erhielten dieselbe Aufmerksamkeit wie jene, die Kriege führen. Nicht an ihrer Stelle, sondern an ihrer Seite. Denn um Kriege zu beenden, müssen diejenigen, die Waffen tragen, zustimmen. Doch diese Notwendigkeit sollte ihnen keine Legitimität verleihen. Wir verwechseln die Bereitschaft zu kämpfen und zu töten mit der Fähigkeit, friedlich zu regieren.

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Portrait von Sanam Anderlini: Eine Frau mit langem dunklem Haar vor einem unscharfen Hintergrund im Freien. Sie blickt in die Kamera und trägt einen blauen Schal über einem hellen Oberteil.

Sanam Naraghi Anderlini

Die Gründerin und CEO des International Civil Society Action Network (ICAN) und Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy ist eine international renommierte Expertinnen für Friedensförderung, Konfliktprävention und den Umgang mit gewalttätigem Extremismus. 

Warum Friedensstifterinnen oft außen vor bleiben

Vor 26 Jahren war die Forderung, Frauen als unverzichtbare Akteurinnen an Friedensverhandlungen zu beteiligen, noch ein radikaler Gedanke der Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ des UN-Sicherheitsrats. Die Grundidee war einfach: Wenn Mediation Frieden schaffen soll, warum werden dann diejenigen nicht einbezogen, die an vorderster Front Frieden für den Frieden arbeiten? Diese Forderung kam nicht aus westlichen Hauptstädten, sondern von Frauen in Kriegs- und Konfliktgebieten selbst.

Bis heute bleiben sie jedoch oft von den Räumen ausgeschlossen, in denen über ihre Zukunft entschieden wird. Warum? Ein Grund ist mangelnder politischer Wille. Solange Regierungen und Diplomat:innen ihre Arbeitsweisen nicht ändern und zur Rechenschaft gezogen werden können, bleiben politische Bekenntnisse bloße Worte. Gewalt verschafft Zugang zum Verhandlungstisch, gewaltfreie lokale Akteuri:nnen werden auf Nebenveranstaltungen verwiesen. 

Häufig wird auch Kultur als Begründung für den Ausschluss von Frauen angeführt. Doch wenn Kultur tatsächlich der entscheidende Faktor wäre, sähen die Friedensverhandlungen im Yemen und in der Ukraine unterschiedlich aus. Tatsächlich sind viele Machtträger schlicht nicht bereit, ihre Privilegien zu teilen oder sich gegenüber den eigenen Gemeinschaften zu verantworten.

Viel Verantwortung, wenig Einfluss

Während sich internationale Akteure zurückziehen, wird „Lokalisierung“ zum neuen Mantra und schafft ein Paradox von Macht und Verantwortung. Von lokalen Friedensstifter:innen in Afghanistan oder Sudan wird erwartet, Gewalt zu verhindern, Gesellschaften zu versöhnen und Menschenrechte zu verteidigen, während internationale Akteure Krisen anheizen, indem sie Waffen verkaufen, ausbeuterische Eliten unterstützen oder Stellvertreterkriege finanzieren. 

Jedes Jahr werden neue Kriege begonnen und alte weitergeführt. Wir verschwenden Milliarden für Waffen, weigern uns jedoch, in eine radikal inklusive Diplomatie oder in Friedensarbeit zu investieren. 

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Portrait von Sanam Anderlini

„Friedensförderung ist kein Pazifismus. Sie leugnet weder die Existenz von Aggression noch die Notwendigkeit von Verteidigung.“ 

Sanam Naraghi Anderlini

Sicherheit entsteht nicht nur durch Waffen

Friedensförderung ist kein Pazifismus. Sie leugnet weder die Existenz von Aggression noch die Notwendigkeit von Verteidigung. Sie stellt vielmehr eine schwierigere Frage: Welche Kombination aus Abschreckung, Diplomatie, politischem Druck und Investitionen in die Kräfte des Friedens verhindert, dass die Konflikte von heute zu den endlosen Kriegen von morgen werden?

Frauen als Friedensstifterinnen schaffen Voraussetzungen dafür, dass Gewalt verhindert und beendet werden kann. Sie etablieren Mechanismen, um Gewaltausbrüche einzudämmen und Vertrauen aufzubauen. Sie verändern die Dynamik von Konflikten, sodass die Kränkungen und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit nicht länger die Handlungen der Gegenwart und die Ergebnisse der Zukunft bestimmen. 

Stattdessen stellen sie die Interessen von Kindern an erste Stelle. Die Vorstellung einer friedlichen Zukunft prägt ihr Handeln in der Gegenwart und hilft dabei, Wunden der Vergangenheit zu heilen.  Für sie ist Gewaltfreiheit die Norm und Gewalt die Ausnahme. Das ist intelligentes Sicherheitsdenken angesichts eines gewaltsamen Militarismus.

Frieden als Normalfall denken

Vielleicht haben wir den Internationalen Tag des Friedens deshalb falsch verstanden. Stellen wir uns vor, es gäbe 364 Tage Frieden und nur einen Tag Krieg. Einen Tag, an dem von Hass getriebene politische Führungspersonen ihre Konflikte selbst untereinander austragen müssten, anstatt die Söhne und Töchter anderer Menschen in den Krieg zu schicken. 

Absurd? Ist das wirklich absurder, als Billionen Dollar in die Militarisierung der Menschheit zu investieren, unseren fragilen Planeten weiter zu zerstören und dies Sicherheit zu nennen?

Betrachten wir heute, am 21. September, die Welt durch die Augen von Frauen, die Frieden stiften. Frieden und friedliches Zusammenleben prägen das Leben der meisten Menschen auf dieser Erde die meiste Zeit. Pragmatismus und Kompromissbereitschaft helfen uns, mit Unterschieden umzugehen. Vielleicht sollten wir nicht die Unvermeidbarkeit des Krieges, sondern die des Friedens in Betracht ziehen.

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