„Die Menschen merken, dass es in Sachen Demokratie ums Ganze geht“

Wie bringt man Menschen wieder mehr in den Dialog in einer Gesellschaft, die von Polarisierung geprägt ist? In Weimar haben 23 Alumni der Robert Bosch Stiftung gemeinsam nach Antworten gesucht.

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„Wenn ich mit extremen Menschen spreche, will ich nachvollziehen, was sie verletzt hat.“ Kathrin Schuchardt sitzt in ihrem Wohnzimmer in Weimar. Die Wände um sie herum verschwinden hinter Gemälden, auf einem davon blickt die Silhouette einer Frau mit schweren Augen in die Ferne – das Geschenk einer Suchtkranken, die die Weimarerin lange begleitet hat. Kathrin Schuchardt  ist Streetworkerin, Bildungsreferentin, Queeraktivistin. Und vor allem ein Beispiel dafür, wie es in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft gelingt, im Dialog zu bleiben. „Der akademische, belehrende Weg funktioniert hier nicht.“ 

Um sie herum sitzen drei Frauen und nicken zustimmend. Sie sind Mitglieder des Bosch Alumni Network (BAN) und besuchen Kathrin Schuchardt im Rahmen der jährlich stattfindenden Bosch Alumni Network Academy. 2025 ist gesellschaftlicher Zusammenhalt Thema dieses Treffens – und der Austausch mit Kathrin Schuchardt Teil des Programms. 

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Das Bosch Alumni Network

Die drei Mitglieder des Bosch Alumni Network in Schuchardts Wohnzimmer kennen die Herausforderung, mit Menschen im Gespräch zu bleiben, die sich immer stärker radikalisieren. Sie arbeiten in der öffentlichen Verwaltung, eine ist Demokratietrainerin, eine Gleichstellungsbeauftragte bei einer Kommune. Gemeinsam wollen sie während der Academy Antworten auf Fragen finden, die auch ihren Arbeitsalltag prägen: Wie schafft man in einer gespaltenen Gesellschaft Impulse für mehr Zusammenhalt? Wo können sichere Räume entstehen, in denen das Andere nicht als Bedrohung wahrgenommen wird? Und wie muss das Engagement für Demokratie aussehen, um in einem aufgeladenen Klima wirken zu können? 

Zusammenhalt in Deutschland: Wie ist die Lage?

Positive Impulse zu setzen, scheint angesichts hitziger Debatten und radikaler Standpunkte oft nicht so einfach. Doch wie genau steht es eigentlich um die deutsche Gesellschaft? Zu dieser Frage gibt es beim Netzwerktreffen in Weimar einen Input der Organisation More in Common, einem strategischen Partner der Robert Bosch Stiftung. 

In einer groß angelegten Studie hat der Think Tank analysiert, wie es Menschen hierzulande gerade geht – und offenbart dabei ein teils düsteres Bild: 74 Prozent der Befragten hatten 2024 das Gefühl, dass es in Deutschland eher ungerecht zugehe, 75 Prozent glaubten, dass viele Menschen sich nur um sich selbst kümmern. Nur 43 Prozent waren der Überzeugung, mit ihrem eigenen Engagement gesellschaftlich etwas verändern zu können. „Seit 2019 beobachten wir ein deutlich gestiegenes Ungerechtigkeitsempfinden. Gleichzeitig gibt es eine Sehnsucht nach mehr Miteinander“, ordnet Inga Gertmann von More in Common ein.  

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Inga Gertmann vom Think Tank More in Common (Bildmitte) mit Bosch Alumni

Doch aussichtlos ist die Lage für all jene, die sich für Zusammenhalt und Dialog einsetzen, nicht: Gerade im persönlichen Nahbereich – dort, wo Menschen am meisten Vertrauen hätten – gebe es Chancen, um sich wieder zugehöriger zu fühlen. „Im öffentlichen Raum begegnet man sich oft, ohne sich wirklich zu begegnen“, erklärt Gertmann. Lebensweltnahe Begegnungsangebote seien daher besonders gut geeignet, um die soziale Infrastruktur zu stärken. „Man muss darauf achten, was die Menschen wirklich brauchen: Offene Begegnungsangebote ohne konkreten Mehrwert funktionieren nicht immer. Lockere Formate mit Spaßfaktor von Akteur:innen, denen Menschen vertrauen – das ist eine gute Strategie“, so Gertmann. 

Aus einer Sparkasse wird ein Dorfcafé: Schritte zu mehr Gemeinschaft

Ähnliche Erfahrungen haben auch einige der Bosch Alumni gemacht, und berichten bei der Academy davon. „Ich finde, dass wir den Akteur:innen vor Ort vertrauen müssen“, sagt Babette Scurrell. Seit 2014 ist sie Vorständin des Vereins Neulandgewinnen e.V., der aus dem Programm Neulandgewinner der Robert Bosch Stiftung entstanden ist. Die heutige Rentnerin bestärkt demokratisch engagierte Menschen im ländlichen Raum darin, soziale Innovationen für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu finden. Über 30 Projekte hat sie begleitet.

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War aktiv im Programm „Neulandgewinner“ der Robert Bosch Stiftung und hat seither über 30 Projekte im ländlichen Raum Ostdeutschlands begleitet: Babette Scurrell (Bildmitte)

Sie nehme gleich mehrere Spaltungen in der Gesellschaft wahr, berichtet Scurrell – eine der größten davon sei jene zwischen Stadt und Land. „Wir müssen den ländlichen Raum stärken, damit sich hier Orte entwickeln können, die Menschen zusammenbringen. Diese Initiativen vor Ort sind meine Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der wir wieder stärker zusammenwachsen“, sagt sie. Bei vielen Mitgliedern von Neulandgewinnen e.V. sehe sie direkt, was Engagement anstoßen könne. „Eine Frau hat zum Beispiel eine ehemalige Sparkasse zu einem Dorfcafé umgebaut – und einen Dominoeffekt bewirkt: Inzwischen gibt es dort auch einen Marktstand und Menschen bestellen gemeinsam Gemüsekisten. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein erster Schritt zu mehr Gemeinschaft führen kann.“ 

Die Bosch Alumni Network Academy

Auch andere Alumni blicken zuversichtlich auf die Zukunft der Demokratie. Etwa Eric Wrasse, Mit-Initiator des Bündnisses Weltoffenes Thüringen und ehemaliger Geförderter im Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung. Mit dem Bündnis setzt er sich dafür ein, demokratische Stimmen im öffentlichen Diskurs hör- und sichtbar zu machen – zum Beispiel durch eine Kampagne, bei der Thüringer:innen mit ihrem Gesicht für eine demokratische Gesellschaft einstehen. 

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Eric Wrasse, einst gefördert im Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung, engagiert sich heute im Bündnis „Weltoffenes Thüringen“

„Die Rechten sind gut darin, Themen zu emotionalisieren, Ängste zu schüren und laut zu sein. Wir setzen auf das Gegenteil und schauen auf die Dinge, die uns miteinander verbinden. Es gibt eine große Mehrheit an Menschen, die für die Demokratie stehen“, sagt Wrasse. Er habe das Gefühl, dass viele Menschen geradezu nach einem Ort suchten, an dem sie sich positiv engagieren könnten. „Es ist keine Option mehr, leise zu sein. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen gerade merken, dass es ums Ganze geht“, so Wrasse.

Einfache Lösungen gibt es nicht – umso wertvoller sind Impulse aus Netzwerken wie dem BAN

Für gesellschaftlichen Zusammenhalt sei wichtig, dass alle Stimmen gehört werden, findet auch Kamilla Schöll-Mazurek, Migrationsforscherin und Bundesgeschäftsführerin des polnischen Sozialrats, ehemals gefördert im Projekt „Politische Bildung in Aktion“ der Robert Bosch Stiftung. Für sie ist es wichtig, gerade jetzt auf Politiker:innen zuzugehen und sich Themen nicht aus der Hand nehmen zu lassen. „Ich nehme wahr, dass Menschen aus dem Ausland oft bestimmte Rollen zugeschrieben werden – zum Beispiel ‚die Saisonarbeiterin‘ oder ‚die Putzkraft‘. Im gesellschaftlichen Dialog sind sie darüber hinaus aber weitgehend unsichtbar. Dieser Spaltung möchte ich entgegenwirken“, sagt sie. 
 

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Migrationsforscherin Kamilla Schöll-Mazurek, früher aktiv im Projekt „Politische Bildung in Aktion“ der Robert Bosch Stiftung, ist heute Bundesgeschäftsführerin des polnischen Sozialrats

Die vielfältigen Perspektiven und Herangehensweisen, die beim Treffen des Bosch Alumni Network zutage treten, zeigen: Einfache Lösungen für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt es nicht – dafür aber eine Vielzahl von Akteur:innen, die im Feld aktiv sind, sich gegenseitig stärken und von einem Netzwerk wie dem BAN wertvolle Impulse und Unterstützung für ihre Arbeit ziehen.

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