„Das sind gute Kartoffeln“, sagt Hermann Heitmann, „aber leider sind sie zu länglich.“ Der 56-jährige Gastronom schüttet ein großes Sieb voller dampfender geschälter Knollen, Sorte Annabelle, in einen Metallbehälter.
Es ist ein Freitagmorgen im September. Im Landkreis Verden in Niedersachsen laufen die „Regio-Wochen“, in denen viel Aufmerksamkeit auf regionalem Essen liegen soll. Heitmann macht mit und gibt sein Bestes. Der gelernte Landwirt betreibt ein Catering-Unternehmen in dem Gasthof, der seit 1905 im Besitz seiner Familie ist, einer Bauernkate direkt an der Hauptstraße des Dorfs Kreepen. „Tradition ist gut“, sagt Heitmann, „aber man muss auch immer mal was Neues machen im Leben.“
Achtzehn Kitas und Schulen in der Umgebung beliefert der Caterer mit Mittagessen, 2.000 Portionen pro Tag. Für die Verdener Regio-Wochen ist er von zentraler Bedeutung, denn die regionale Verpflegung der Schulen und Kitas ist der Höhepunkt des vielfältigen Programms.
Zwanzig Kilometer von Heitmanns Gasthof entfernt steht die Landwirtin Amalie Lohmann vor hauswandhoch gestapelten Gemüsekisten, gerade ist sie vom Acker zurückgekehrt. Seit 1985 wird hier Bio-Gemüse angebaut, die Ware geht aber größtenteils in den überregionalen Großhandel. Auf die Rückmeldung von Heitmann ist sie gespannt, denn die Kartoffeln, die er diese Woche kocht, stammen von ihrem Acker.
Heitmann rührt inzwischen in einem ofengroßen Stahltopf mit Rahmwirsing, neben ihm arbeiten zwei Köche und eine Köchin, sie füllen die Speisen in Isolierkisten und befördern sie über eine Rollrampe weiter in den Hof. Fünf Minijobber im Rentenalter fahren das Essen von dort in die Kitas und Schulen.
Neue Strukturen für regionale Versorgung
Üblicherweise bezieht der Caterer seine frische Ware vom Großhändler, der sie in ganz Norddeutschland und teils weltweit einkauft. Damit das, was die Kinder auf den Teller bekommen, in dieser Woche von den Höfen aus dem Landkreis stammt, mussten neue Kontakte hergestellt werden. „Kurz gesagt: Wir haben anderthalb Jahre lang Menschen miteinander vernetzt“, sagt Lea Unterholzner, die das Projekt für die Agentur KleVer (Klimaschutz- und Energieagentur Verden) steuert. Die Agentur gehört dem Landkreis Verden und seinen Kommunen.
Ende 2025 lud Unterholzner alle lokalen Akteure zum ersten Verdener Ernährungsgipfel ein. Lohmann war dabei, und auch Heitmann. „Ich war erstmal kritisch“, erinnert sich der Caterer. „Ich habe bezweifelt, dass wir regionale Bio-Ware in den nötigen Mengen bekommen – und dann auch noch bezahlbar.“ Die Projektkoordinatorin Unterholzner besuchte ihn daraufhin mehrmals und brachte Angebote von Bio-Großhändlern mit. „Ich habe mich breitschlagen lassen, es zu versuchen“, sagt Heitmann und schmunzelt.
Der Caterer rechnet vor, was er heute einsetzt: 340 Kilogramm Bio-Kartoffeln von Hof Lohmann, geschält in Bremen, 50 Kilogramm Wirsing von Hof Ahlers, selbst geschnitten, Bio-Obst – ungeschält – von verschiedenen Höfen, gut zur Hälfte aus dem Landkreis. Milch und Sahne von der Bio-Molkerei Dehlwes im 50 Kilometer entfernten Lilienthal. „Und ich habe einige Galloway-Rinder, für heute konnte ich Regio-Hackbraten machen“, sagt er. Die vegane Alternative, eine Gemüsefrikadelle, ist nicht regional.
„Im Landkreis wurde schon länger versucht, ein regionales Ernährungs-Netzwerk aufzubauen. Es gab aber niemanden, der sich zentral zuständig gefühlt hat. 2024 entstand zu diesem Zweck schließlich das Projekt ‚Brückenschlag‘, die Regio-Wochen sind ein Teil davon“, berichtet Lea Unterholzner.
Ermöglicht wird das Projekt durch die Robert Bosch Stiftung, die es von 2024 bis 2026 mit knapp 150.000 Euro fördert. Zehn solcher Pilotprojekte zur Ernährungswende unterstützt die Stiftung im Rahmen ihres Programms „Zukunft aufgetischt!“. Doreen Buchheiser ist verantwortlich für die Förderung, sie erklärt den Nutzen: „Mehr Regionalität und lokale Wertschöpfungsketten sind gleich aus mehreren Gründen wünschenswert.“ Da sei der Klima-Effekt durch kürzere Lieferwege und den Fokus auf saisonal verfügbare Nahrungsmittel. Dann entstünden Beziehungen vor Ort, die die lokale Wirtschaft stärken. „Das wirkt sich direkt auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus“, betont Buchheiser. Außerdem betrieben kleinere lokale Höfe auch weniger Monokultur-Anbau, der durch den Einsatz hoher Pestizid-Mengen die Biodiversität gefährdet.
Zukunft aufgetischt!
Mit dem Programm Zukunft aufgetischt! möchten wir von der Robert Bosch Stiftung gemeinsam mit unseren Umsetzungspartnern in Kommunen im ländlichen Raum Prozesse anstoßen, um regionale Ernährungssysteme partizipativ zu gestalten.
Wie das Regio-Essen ankommt
Es ist halb zwei. In der Kantine der Grundschule Verden-Walle sitzen 30 Kinder. Fast alle haben Lohmanns Kartoffeln und Heitmanns Hackbraten auf dem Teller, etwa die Hälfte traut sich an den Rahmwirsing. Als Nachtisch stehen geschnittene Äpfel und Birnen bereit.
Einige Kinder der Schule haben im Juni den Bauernhof besucht, von dem die Kartoffeln stammen. Dort erfuhren Sie, welche Ackergeräte man braucht, dass Schafe guten Dünger produzieren und warum auf einem Lohmannshof-Acker erst nach fünf Jahren wieder dieselbe Kultur angebaut wird. Dann ernteten die Kinder Knoblauch und Frühkartoffeln, stellten aus Sahne Butter her und verzehrten alles später am Lagerfeuer als gekochte Kartoffeln mit Knoblauchbutter.
„Wir haben in der Schule ja auch unseren eigenen kleinen Acker mit eigenem Gemüse“, sagt die Viertklässlerin Klara. „Aber es war so toll, mal einen richtig großen Acker zu sehen!“ Am besten habe ihr gefallen, dass die Kinder ihr Essen selbst ernten und herstellen konnten.
Für die Projektleiterin Lea Unterholzner sind solche Erfahrungen ein wichtiger Vorteil der Regionalität.
„Wir müssen wieder mit den Produktions-bedingungen unserer Nahrung in Kontakt kommen.“
„Wenn irgendwo auf der Welt für unser Essen Futter-Soja mit Chemikalien bespritzt wird oder Tiere gequält werden, bekommen wir es nicht mit“, sagt Unterholzner. Dieselben Dinge würden Konsumentinnen und Konsumenten aber viel weniger akzeptieren, wenn sie hier vor unseren Augen passieren, meint sie.
Kleine Umfrage in einer Verdener Schulmensa: Wie schmeckt’s den Kindern heute? – „Besser als sonst“, findet die neunjährige Leona, „die Kartoffeln schmecken frischer.“ Jack und Mira sind unzufrieden: „Es gab die ganze Woche Kartoffeln, das ist echt zu viel. Und gestern war die Schale noch dran!“ Trotzdem bleibt heute kaum etwas liegen.
Am Donnerstag gab’s Pellkartoffeln mit Quark, bestätigt Hermann Heitmann, das sei nicht so gut gelaufen. „Vor allem kleinere Kinder sind das nicht gewohnt.“ Könnte er hingegen jeden Tag Pellkartoffeln auftischen, wäre er ein Problem los: das Schälen. „Das macht hier keiner in der Nähe“, sagt der Caterer, „wir haben die Kartoffeln dafür nach Bremen und zurück geschickt.“ Aber die Sorte ist länglich, und so wurden etwa 40 Prozent runtergeschält. „Das ist zu viel“, ärgert er sich, „so rechnet es sich nicht.“
Insgesamt habe er 60 Cent pro Essen draufgezahlt. Vielleicht könne der Bauernhof eine Sorte liefern, die runder ist, er werde mal mit Frau Lohmann sprechen. Regionale Komponenten könnte er hin und wieder in den Speiseplan einbauen, bis hin zu einem Regio-Essen pro Monat. Und er denke über eine eigene Kartoffelschälanlage nach.
„Ich habe in dieser Woche Grundlagen gesammelt. Das Wichtigste ist: Ich weiß jetzt, dass es im Prinzip funktioniert.“
Hermann Heitmann, Caterer
Lea Unterholzner steht am Nachmittag vor der Schule und schaut in Richtung der Felder. „Wir haben eine Brücke gebaut vom traditionellen Gasthof bis zu den Öko-Betrieben“, sagt sie. Ihr Projekt endet dieses Jahr, und sie hofft, dass die Beziehungen, die sie hergestellt hat, bestehen bleiben. „Wenn es einmal in der Woche einen Regio-Tag gäbe, das wäre ein Riesenerfolg!“