Neue Wege für den Wiederaufbau in der Ukraine

Mit innovativen Methoden wollen wir von der Robert Bosch Stiftung in der Ukraine das zivilgesellschaftliche Engagement stärken und sich selbst tragende Förderkreisläufe starten. Hier zeigen wir die Menschen Pilotprojekten und erklären, wie diese wirken.

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Illustration zu Social Impact Bonds in der Ukraine

Wenn 2026 die Rede von Innovationen in der Ukraine ist, dann geht es meistens um Drohnen oder automatisierte Luftabwehr. Aber: „Im fünften Jahr des russischen Angriffskrieges entstehen im ganzen Land und auf vielen gesellschaftlichen Feldern neue Ideen und Ansätze“, sagt Markus Lux, der Leiter des Sonderbereichs Ukraine der Robert Bosch Stiftung. „Ich finde es beeindruckend, wie die Menschen in der Ukraine unter dem großen Druck an der Verbesserung der Zustände arbeiten.“

Die Robert Bosch Stiftung setzt deshalb neben der Förderung von Projekten auch auf innovative Fördermodelle wie Soziale Anleihen (Social Impact Bonds) oder das sogenannte Citizen Token System, mit dem man sich durch soziales Engagement ein Mitbestimmungsrecht bei der Verteilung von Fördergeldern erarbeitet. „Wir wollen die Bürgerinnen und Bürger einbeziehen und sich selbst verstärkende sozioökonomische Kreisläufe starten“, sagt Lux.

Das Ziel ist dabei weniger, die akute Finanzierungslücke der Ukraine zu schließen – Lux weist darauf hin, dass das Land laut Weltbank mittelfristig knapp 600 Milliarden Euro für den Wiederaufbau benötigt. „Aber wir dürfen nicht unterschätzen, was kontinuierliches gesellschaftliches Engagement wert ist.“
 

Wie bei jedem Experiment gilt: „Das Risiko zu scheitern ist real“, sagt Markus Lux. Aber durch die Pilotprojekte könne man Neues lernen und Erfahrungen sammeln. Die Sozialen Anleihen und das Citizen Token System passen auch zur Strategie des Sonderbereichs Ukraine der Robert Bosch Stiftung, weil diese zunehmend auf Powersharing in der Förderung setzt: gemeinsam mit lokalen Partnern Ziele definieren, ein Projekt aufsetzen, „das langsam reift und sich in Richtungen entwickelt, die man gar nicht geahnt hat.“ 

Natürlich hofft Lux, dass der Impuls auch staatliche Förderer weltweit inspiriert, „sich auf solche kleinteiligen Prozesse einzulassen“. An den Ukrainer:innen liegt es jedenfalls nicht. „Mitten im Krieg engagieren sich 30 Prozent der Menschen sozial“, sagt Lux, „und es gibt diesen Willen zum Anpacken und Kompromiss.“ Davon kann man lernen. Nicht nur für die Ukraine.

Social Impact Bonds: Bei erfolgreichen Projekten steigt die Kommune mit ein

Alina Tokmylenko ist eine sportliche Frau und geht vor Arbeitsbeginn gerne eine Runde Laufen, um den Kopf freizubekommen und die Dinge zu ordnen. Als sie Kolleg:innen in der Stadt Wosnessensk in der Oblast Mykolajiw nach einer schönen Laufrunde fragte, hörte sie nur: „Mach das nicht! Zu gefährlich.“ Zu Beginn der russischen Invasion lag die 30.000-Einwohner-Stadt direkt an der Front, war zwischenzeitlich von Russland besetzt – und heute sind die Kämpfe nur 140 Kilometer entfernt. Russische Drohnen- und Raketenangriffe sind an der Tagesordnung. Alina Tokmylenko verlässt trotzdem das Haus. Und die Menschen in Wosnessensk gehen auf den Markt, der das Stadtleben auch im fünften Jahr nach der Invasion bestimmt. „Wir können nicht auf das Ende des Krieges warten“, sagt sie. „Wir müssen unser Leben in die Hand nehmen und gesellschaftliche Herausforderungen in Angriff nehmen.“

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Menschen in einem Workshopt hören Alina Tokmylenko von der ukrainischen Organisation The Possible zu
Wo besteht der größte Bedarf in der Gemeinde? Alina Tokmylenko bei einem Workshop mit Bürger:innen in Wosnessensk

Alina arbeitet als Lead Social Impact Bonds bei The Possible, einer Allianz von Unternehmen, NGOs und Partnern, die die Ukraine von unten wiederaufbauen will. In Wosnessensk führt sie ein Pilotprojekt für Social Impact Bonds durch, das von der Robert Bosch Stiftung finanziert wird. Das innovative Modell soll neue Finanzierungsquellen für den Wiederaufbau erschließen und Initiativen fördern, die eng mit der lokalen Wirtschaft verzahnt sind und an konkreten Ergebnissen gemessen werden. „Wir haben keine vorgefertigten Lösungen“, sagt Tokmylenko. „Unsere Botschaft lautet: Wir unterstützen euch, aber niemand kennt eure Stadt und eure Bedürfnisse besser als ihr selbst.“ 

Zu Beginn des Pilotprojekts wurde in Workshops mit lokalen Stakeholdern eine Prioritätenliste erarbeitet: Wo besteht der größte Bedarf? Es wurde schnell klar, dass die Unterstützung von Veteraninnen und Veteranen bei ihrer Rückkehr ins zivile Leben eine der dringendsten Prioritäten der Gemeinde war. „Das sind keine Menschen, die passiv sind und Hilfe brauchen“, sagt Tokmylenko, „sondern Menschen, die unter enormem Druck gearbeitet haben und sehr spezifische Skills mitbringen.“

Über das Modell der Social Impact Bonds stellt ein Akteur wie die Robert Bosch Stiftung Kapital für Projekte zur Verfügung, die Veteran:innen helfen, eigene Unternehmen zu gründen, neue Arbeitsstellen zu finden oder psychische Traumata zu bewältigen. Ein solcher Prozess ist gerade angelaufen: NGOs und soziale Träger konnten sich im Sommer 2026 bewerben – und ab Herbst startet die Umsetzung. „Es geht hier nicht um gute Absichten, sondern um Effizienz“, sagt Tokmylenko. Werden während der Projektlaufzeit die vereinbarten Ergebnisse erreicht, verpflichtet sich die Gemeinde, im nächsten Haushaltsplan einen Betrag in Höhe der ursprünglichen Förderung in diese oder ähnliche Initiativen zu investieren. 

„Wir arbeiten eng mit der Stadtverwaltung zusammen“, sagt Tokmylenko. „Denn sie muss die Arbeit fortführen.“ Das Modell lasse sich auf andere Gemeinden übertragen, doch bei der Umsetzung sollten stets die spezifischen Bedürfnisse, der Kontext und die Besonderheiten der jeweiligen Gemeinde berücksichtigt werden.

Social Impact Bonds kurz erklärt

Wie funktionieren Social Impact Bonds in der Ukraine genau?

Bei einer Sozialen Anleihe stellt ein Investor oder Förderer – zum Beispiel eine Stiftung – Vorabkapital zur Finanzierung einer sozialen Maßnahme zur Verfügung. Eine weiterführende öffentliche Finanzierung ist an das Erreichen vorab festgelegter Ergebnisse geknüpft. In der Ukraine unterliegen Kommunen derzeit rechtlichen Beschränkungen hinsichtlich der Entgegennahme und Rückzahlung dieser Art von privatem Kapital. Die Organisation The Possible hat eine Lösung gefunden: Werden die vorab definierten Ziele erreicht und unabhängig überprüft, verpflichtet sich die Gemeinde, einen entsprechenden Betrag im nächsten Haushalt erneut bereitzustellen, um erfolgreiche Maßnahmen fortzusetzen oder auszuweiten.

Wer entscheidet, ob die Ziele erreicht wurden?

Weder die Geldgeber noch die Stadtverwaltung, sondern ein unabhängiges Gutachten. Beim Pilotprojekt in Wosnessensk bewertet die Organisation Restart die Fortschritte anhand konkreter, vorab festgelegter Indikatoren. Erst wenn die unabhängige Bewertung bestätigt, dass die vereinbarten Ergebnisse erreicht wurden, wird die erneute Investition der Stadtverwaltung ausgelöst.

Wie sehen die Geldströme genau aus?

Die Robert Bosch Stiftung stellt die Anschubfinanzierung für das Pilotprojekt bereit. Die Organisation The Possible konzipiert und leitet das Social-Impact-Bond-Pilotprojekt, verwaltet die Mittel und koordiniert die verschiedenen Parteien. The Possible stellt anschließend ausgewählten lokalen Organisationen und Dienstleistern in Wosnessensk Mittel zur Verfügung, um die Maßnahmen vor Ort umzusetzen – zur Unterstützung von Veteran:innen in den Bereichen Beschäftigung, Unternehmertum sowie psychische Gesundheit und Rehabilitation. 

Diese Struktur ermöglicht es der Stadtverwaltung, ein ergebnisorientiertes Finanzierungsmodell zu erproben, ohne im Vorfeld öffentliche Mittel binden zu müssen. Stattdessen verpflichtet sich die Stadt Wosnessensk, in erfolgreiche Maßnahmen zu investieren, sobald die vereinbarten Ergebnisse erreicht und von einem unabhängigen Wirkungsgutachter überprüft wurden. Auf diese Weise trägt philanthropisches Kapital zur Finanzierung und Erprobung neuer Ansätze bei, während öffentliche Mittel erst nach nachgewiesenen Ergebnissen bereitgestellt werden.

Das Citizen Token System: Mehr Mitsprache über gemeinsame Ressourcen

Ein ganz normaler Tag in Odesa. Strom und Wasser sind nach den jüngsten russischen Angriffen ausgefallen. Vadim Georgienko muss den Videocall im Internetcafé machen, im Hintergrund rattert ein Generator. Die Verbindungsqualität ist unterirdisch. Aber es muss weitergehen. Vadim sagt: „Wer weiß, was der Winter bringen wird.“

Vadim hat keine typische Karriere im NGO-Sektor gemacht – seine Laufbahn reicht über verschiedene Sektoren, von der Wirtschaft über Civic Tech bis zur Kommunalverwaltung –, und er sucht immer„nach Lösungen, die über Grenzen hinweg wirken“. Er arbeitet mit der Moloda Gromada Foundation, die in der Ukraine ein Partnernetzwerk für das sogenannte Citizen Token System koordiniert. Das Ziel: „ein neues Verständnis der Zivilgesellschaft“.

Das Problem, das Vadim lösen will, ist älter als der Krieg in der Ukraine. Weltweit, sagt er, gibt es ein Paradox: Programme zur Demokratieförderung erfüllen auf dem Papier ihre Ziele – und trotzdem gerät die Demokratie vielerorts unter Druck. Ein Grund dafür ist aus Vadims Sicht, dass die üblichen Formen der Beteiligung die Mehrheit der Menschen nicht erreichen und ihnen nur begrenzten Einfluss geben. „In den vergangenen Jahren sind Milliarden an externer Hilfe in die Ukraine geflossen“, sagt Vadim. „Aber die Menschen haben kaum Einfluss darauf, wie diese Mittel verwendet werden.“

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Portrait von Vadim Georgienko

„Je mehr Macht eine Gemeinde mit ihren Bürger:innen teilt, desto widerstandsfähiger wird sie.“

Vadim Georgienko

Der russische Angriff seit 2022 wirke wie ein Brennglas, das dieses Problem gnadenlos offenlegt. „Die Ukraine hat in den Überlebensmodus geschaltet; alle Ressourcen fließen in die Armee, den Widerstand, den Echtzeitwiederaufbau der kritischen Infrastruktur.“ Für Vadim macht das die Ukraine zu einem besonders anspruchsvollen Ort, um demokratische Innovationen zu erproben: „Der Krieg ist der ultimative Stresstest. Die Erfahrungen, die wir hier sammeln, könnten auch Gemeinden an ganz anderen Orten helfen, durch neue Formen der Mitbestimmung und Selbstverwaltung widerstandsfähiger zu werden.“

Wie also funktioniert ein Citizen Token System in diesem extremen Umfeld? Wenn jemand sich in einer Pilotkommune engagiert – in der Kinderbetreuung oder einem Veteranen-Projekt –, wird dieser Beitrag erfasst und bestätigt, und im Gegenzug erhält die Person einen Token. Eine Art Beleg, der die Handlung dokumentiert „und einen Wert hat. Fast wie eine Briefmarke oder Banknote“, sagt Vadim. 

Mit diesen Tokens erhalten die Menschen ein Mitspracherecht darüber, wie gemeinsame lokale Ressourcen verwendet werden – und je mehr jemand beigetragen hat, desto mehr Gewicht hat seine Stimme. Auf dieser Grundlage entscheidet die Community gemeinsam, welche lokalen Projekte finanziert werden: etwa eine Schulinitiative oder Reparaturen an einem öffentlichen Gebäude. Doch der Effekt reicht über die einzelnen Projekte hinaus. „Je mehr Macht eine Gemeinde mit ihren Bürger:innen teilt, desto widerstandsfähiger wird sie“, sagt Vadim.
 

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Illustration mit unterschiedlichen Feldern, in denen sich Menschen engagieren und dafür so genannte Citizen Tokens erhalten: Trainer einer Kinder-Fußballmannschaft, Reparatur eines beschädigten Schulgebäudes und eines Rettungsfahrzeugs, Landwirt der mit dem Traktor die Felder bestellt. In der Bildmitte ein Feld, in dem Menschen mit ihren erhaltenen Citizen Tokens abstimmen, welche Projekte in ihrer Gemeinde gefördert werden sollen
Die Idee des Citizen Token Systems: Menschen engagieren sich in ihrer Gemeinde – und erwerben so ein besonderes Mitspracherecht, welche weiteren Projekte in der Gemeinde finanziert werden sollen

Die ersten Pilotprojekte in der Westukraine haben ihre anfängliche Förderphase hinter sich gelassen und laufen nun aus eigener Kraft weiter, die Praxis etabliert sich also: Die Menschen vor Ort engagieren sich weiter, das lokale Team führt den Prozess eigenständig fort und die Gemeinde erhält mehr Mitsprache darüber, wie die lokalen Ressourcen eingesetzt werden. Trainingsvideos und Best Practices helfen nun weiteren Gemeinden, das Modell zu übernehmen.

Es ist eine Idee, die gleichzeitig klein und sehr groß ist. Vadim erzählt von Mikroprojekten mit wenigen Hundert Euro Budget, über die mit Tokens abgestimmt wurde und die dann aus lokalen Ressourcen finanziert wurden: Umweltinitiativen, kleine Agrarprojekte, Sockenstricken für Soldat:innen an der Front. Aber diese Projekte sind nicht das Ziel an sich – sie sind die Bausteine eines sich selbst tragenden Kreislaufs. Die Gemeinden können diesen Prozess selbst in Gang setzen, mit anfänglicher Unterstützung durch Vadims Netzwerk.

Was als einzelnes Projekt beginnt, soll zu einer dauerhaften Praxis der Selbstverwaltung werden – und, über das ganze Land verteilt, die demokratische Kultur in der Ukraine von unten nach oben verändern. „Der eigentliche Wert liegt nicht nur in der Arbeit, die die Menschen leisten, sondern auch in dem Mitspracherecht, das sie dadurch über gemeinsame Ressourcen bekommen“, sagt Vadim. Er nennt es einen „Inner Marshall Plan for Ukraine“.

Das Citizen Token System kurz erklärt

Was ist ein Citizen Token System?

Das Citizen Token System verknüpft nachgewiesene bürgerschaftliche Beiträge mit Entscheidungsmacht über gemeinsame Ressourcen. Wer Zeit, Arbeit, Material oder andere vereinbarte Ressourcen beiträgt, erhält Tokens, die einen Anteil an dieser Entscheidungsmacht darstellen. Dabei handelt es sich nicht um Geld, sondern um ein entsprechendes Mitspracherecht: Mit ihnen entscheiden die Menschen mit, welche lokalen Projekte als Nächstes öffentliche, gemeinschaftliche oder gestiftete Mittel erhalten. So wird individuelles Engagement in eine echte Stimme bei öffentlichen Entscheidungen übersetzt.

Wie wird festgelegt, wofür es Tokens gibt?

Das regeln geschulte lokale Teams, in denen Kommunalverwaltung und Zivilgesellschaft zusammenkommen – etwa lokale NGOs, Jugendräte oder Freiwilligengruppen. Geleitet von den Bedürfnissen, die in der Gemeinde geäußert werden, erstellen sie sogenannte Smart Contracts: einfache, vorab veröffentlichte Regelwerke, die festhalten, welche Probleme gelöst werden sollen, welche Beiträge nötig sind und wie viele Tokens vergeben werden. Dasselbe Team prüft später die Beiträge der Bürger:innen anhand dieser Regeln und teilt die Tokens entsprechend zu. Weil die Regeln öffentlich und vor Ort entstehen, bleibt für alle transparent, wofür Tokens vergeben werden – und sie lassen sich an unterschiedliche Gruppen und Bedürfnisse anpassen.

Woher kommt das Geld – und wie bleibt es im System?

Am Anfang steht ein Topf an Ressourcen: Er kann aus einer Spende, aus Stiftungsmitteln wie denen der Robert Bosch Stiftung oder aus dem kommunalen Haushalt stammen. Woher auch immer das Geld kommt – die Gemeinschaft selbst stimmt mit ihren Tokens darüber ab, wie es verwendet wird. Bei wirtschaftlich tragfähigen Vorhaben können eingesetzte Mittel später zurückfließen und neu vergeben werden – so entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf statt einer einmaligen Förderung.

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