Der niederländische Grenzforscher Peter Teunissen arbeitet viel am Computer, erstellt Diagramme, Temperaturkurven, Satellitenbilder. Sein aktuelles Projekt führte den 38-jährigen Wissenschaftler jedoch tief in den Białowieża-Wald an der Grenze zwischen Polen und Belarus, in einen der letzten Urwälder Europas, in dem Adler, Luchse und Wisente leben. „Der Wald ist bezaubernd schön und voller Leben“, erzählt Teunissen.
Aber durch die tiefen Wälder und einsamen Sumpflandschaften erstreckt sich ein 5,5 Meter hoher Stahlzaun, besetzt mit Bewegungsmeldern und Überwachungskameras. Immer wieder stoßen die Forschenden auf ihren Wanderungen auf alte Schlafsäcke, Kleiderhaufen, zerstörte Handys; „Man spürt mit allen Sinnen, dass hier etwas nicht stimmt“, sagt Teunissen, „dass man es mit einer neuen Art der Gefahr und der Gewalt zu tun hat.“
2021: Die Regierung von Belarus eröffnet eine kommerzielle Migrationsroute über Minsk in Richtung EU +++ Warschau spricht von „hybrider Bedrohung“ +++ Die Zahl der illegalen Grenzübertritte nach Polen, Lettland und Litauen steigt laut Frontex von 257 im Jahr 2020 auf mehr als 8000 +++ Im September verhängt die polnische Regierung den Ausnahmezustand in der Region und sperrt einen drei Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze +++ Polnische Militärfahrzeuge fahren ohne Kennzeichen, Grenzbeamte sind maskiert.
Teunissen ist Wissenschaftler und Mitglied der Forschungsagentur Border Forensics. Mit innovativen, transdisziplinären Methoden hat Border Forensics das Schicksal von Migrant:innen an EU-Außengrenzen im Mittelmeer und in den Alpen systematisch untersucht – mit Satellitendaten, Zeugenaussagen und räumlichen Analysen.
Mehr über Border Forensics
Die Forschungsagentur Border Forensics mit Sitz in Genf wurde 2021 gegründet. Ihr Mitgründer und Präsident, Charles Heller, leitet an der Universität Bern das Projekt „The Circumference of Violence“, das die verschiedenen Formen von Gewalt entwirren will, denen Migrant:innen an den EU-Außengrenzen ausgesetzt sind. Dabei spielen Satellitenbildanalysen, Geodaten und Computermodelle ebenso eine Rolle wie das Sammeln von Zeugenaussagen.
Zuvor untersuchten Heller und seine Mitstreiter:innen mit „Forensic Oceanography“ über ein Jahrzehnt lang den Tatort Mittelmeer und prägten den Begriff der „Liquid Violence“. Border Forensics überträgt diesen Ansatz auf Landschaften: auf Berge, Wüsten und Wälder, die in die Grenzsicherung einbezogen werden.
Wir von der Robert Bosch Stiftung fördern die Arbeit von Border Forensics innerhalb unseres Themas Migration, um Menschenrechtsverletzungen an Grenzen sichtbar zu machen, Rechenschaftspflicht einzufordern und das öffentliche Bewusstsein für Grenzgewalt zu schärfen. Ziel ist es, Praktiken zu beenden, welche die Rechte und Würde von Migrant:innen und Menschen auf der Flucht verletzen.
Neuer Report von Border Forensics macht sichtbar, was niemand sehen soll
Der neueste Report The Death Zone, den die Agentur gemeinsam mit den beiden Forschungsprojekten „The Circumference of Violence“ und „Infrastructuring Nature“ erstellt hat, analysiert die Lage an der EU-Grenze zu Belarus – „und wie dort eine neue Art von Gewaltregime etabliert und normalisiert wurde“, so Teunissen. Belarus habe die Menschen gezielt nach Westen geschickt, heißt es im Report, um die EU zu destabilisieren. Seit 2021 haben zivilgesellschaftliche Akteure mindestens 102 Todesfälle in der Grenzregion dokumentiert; viele weitere Menschen gelten als vermisst, die Dunkelziffer ist hoch.
„Das Fehlen von offiziellen Statistiken ist eine Taktik, mit der die Behörden die Verantwortung für das Geschehen abwehren“, sagt Charles Heller, der Border Forensics mitgegründet hat und an der Universität Bern das Projekt „The Circumference of Violence“ leitet. Der neue Report liefert nun eine erste Datengrundlage und macht sichtbar, was niemand sehen soll.
Juni 2022: Polen meldet die Fertigstellung einer 186 Kilometer langen Grenzbarriere +++ Die Baukosten von 353 Millionen Euro werden teilweise aus EU-Mitteln finanziert +++ Ab November 2022 kommt eine 206 Kilometer lange elektronische Barriere dazu: mit 3000 Kameras, mit Nachtsichtgeräten, Wärmesensoren und Bewegungsmeldern
„Genau wie der Staat, der den archaischen Schlagstock mit KI-gesteuerten Kameras kombiniert, verwenden wir Hightechmethoden und altmodische Interviews“, sagt Charles Heller. Die polnische Soziologin Katarzyna Czarnota, Mitglied von Border Forensics und Co-Autorin des Reports, war monatelang als Forscherin und Menschenrechtsaktivistin in der Region unterwegs – und begleitete dabei Mitarbeiter:innen von Hilfsorganisationen, die regelmäßig Anrufe von verängstigten und ausgehungerten Menschen erhalten, die sich im Wald verstecken. Die Telefonnummern der Aktivist:innen werden in der Geflüchteten-Community weitergereicht – und manchmal erhalten die Notleidenden warme Kleidung, Lebensmittel und einen wichtigen Satz: „Ja proszę o azyl w Polsce“: Ich bitte um Asyl in Polen. Aber in großen Teilen des Gebiets gibt es keinen Handy-Empfang. Oft gehen Notrufe daher ins Leere.
Auch der Wandel im gesellschaftlichen Klima wird von Katarzyna Czarnota und dem Rechercheteam dokumentiert. Die Hilfsorganisationen geraten zunehmend selbst in den Fokus der Behörden. Mehrere ihrer Mitarbeiter:innen wurden in Polen der Schlepperei angeklagt und mussten sich vor Gericht verantworten. „Geflüchtete werden von der Politik und in den Medien als Gefahr dargestellt, die man abwehren muss“, sagt Czarnota. „Mit allen Mitteln.“
Im Oktober 2025 war ein Border-Forensics-Team um Peter Teunissen mit Grenzschützern unterwegs. Am Fluss Bug, der mehr als 178 Kilometer die polnisch-belarussische Grenze bildet, wunderten sie sich, dass es dort im Gegensatz zum nördlichen Grenzabschnitt keinen Zaun gibt, sondern nur Kameras und ferngesteuerte Scheinwerfer. „Wir brauchen ihn nicht“, erklärte der Kommandant, „der Fluss übernimmt die Funktion der Barriere.“
„In offiziellen Meldungen und in den Medien heißt es oft, dass eine Person sich im Wald verirrt und verhungert ist, dass jemand erfroren oder an Krankheit oder Erschöpfung gestorben ist“, sagt Teunissen. Als ob es sich um Unfälle und tragische Einzelschicksale handele. Aber die wilde Natur werde erst in Kombination mit der Infrastruktur und dem Verhalten der Grenzschutzkräfte zu einer feindseligen und gewalttätigen Kraft. „Wir können zeigen, dass man Migrant:innen wissentlich in die Wälder, Sümpfe und die Kälte der Grenzregion getrieben hat – und das kann tödlich enden“, sagt Heller.
Wie die Todeszone sichtbar wird
Border Forensics hat die Hilferufe und Rettungseinsätze der NGOs geokodiert, auf einer Karte der Grenzregion dargestellt und die 102 dokumentierten Todesfälle darin eingezeichnet. Man sieht: Die Vorfälle häufen sich besonders in Feuchtgebieten, an Flüssen, in Naturschutzgebieten und Sperrzonen. Dort, wo man nur schwer vorankommt und Hilfe fern ist. Die Todeszone wird sichtbar.
Dezember 2023: Donald Tusk löst die rechtspopulistische PiS-Regierung ab – und verschärft die Migrationspolitik weiter +++ Juni 2024: Die Befugnisse zum Schusswaffengebrauch werden ausgeweitet, die Haftung der Beamten gesenkt +++ März 2025: Eine Verordnung beschränkt das Recht, einen Antrag auf internationalen Schutz zu stellen – sie wird seither immer wieder verlängert und bedeutet faktisch die Aussetzung des Asylrechts.
Das Schicksal von Ahmed Al-Shawafi – kein Einzelfall
Im Spätwinter 2022 ist Ahmed Al-Shawafi tagelang in der polnisch-belarussischen Grenzregion unterwegs. Er ist 26 Jahre alt, stammt aus dem Jemen und will nach Europa. Am 21. Februar findet der polnische Biologe Rafał Kowalczyk, der sich sonst um bedrohte Tierarten im Wald kümmert, Ahmeds leblosen Körper am Fluss Leśna Prawa. Die offizielle Todesursache lautet: Unterkühlung. Fall abgeschlossen?
Border Forensics hat gemeinsam mit Partnerorganisationen zehn solcher Todesfälle aus den Jahren 2021 bis 2025 rekonstruiert – anhand von Aussagen der Mitreisenden, mithilfe von Geo- und Wetterdaten, Dokumenten. Zwischen dem 10. und dem 15. Februar 2022 irrt die Gruppe von 35 bis 40 Menschen, mit der Ahmed unterwegs ist, durchs Grenzgebiet. Wird von belarussischen Kräften nach Polen getrieben, von polnischen Grenzern zurückgedrängt, immer wieder, fünf Tage lang. Am 15. Februar durchquert die Gruppe auf polnischem Gebiet den Fluss Przewłoka. Ihre Kleidung ist durchnässt, die Vorräte schwinden, und die Erschöpfung wächst. Nachdem sie einen weiteren Fluss, die Leśna Prawa, durchquert haben, beginnt Ahmed heftig zu zittern und verliert das Bewusstsein. Die Gruppe versucht, einen Notruf abzusetzen. Kein Netz.
Als sie Hilfe holen wollen, treffen sie auf polnische Grenzschützer und bitten sie um einen Rettungseinsatz. Die Beamten schieben die Gruppe nach Belarus ab, ohne den Vorgang zu dokumentieren.
Die Menschen sitzen fest zwischen zwei Zäunen und zwei Grenzschutzapparaten, ohne Rechtsweg und ohne Ausweg.
„Pushback“ nennt man dieses Zurückschieben über die Grenze – häufig unter Einsatz von Schlagstöcken, Pfefferspray und Gewalt. Gemeinsam mit polnischen Gruppen wie We Are Monitoring hat Border Forensics zahllose Fälle dokumentiert, in denen Menschen über Tage und Wochen zwischen den beiden Grenzanlagen hin- und hergetrieben wurden. Für den Report hat das Rechercheteam auch 151 Interviews von Geflüchteten ausgewertet, die von We Are Monitoring gesammelt wurden. Knapp 80 Prozent der Befragten berichten von Schlägen, rund zwei Drittel von Pfefferspray oder Tränengas, 30 Prozent vom Einsatz von Schusswaffen oder Gummigeschossen. Die Menschen sitzen fest zwischen zwei Zäunen und zwei Grenzschutzapparaten, ohne Rechtsweg und ohne Ausweg.
Die Geflüchteten nennen den Wald zwischen Polen und Belarus „die Todeszone“. Die Menschenrechtsaktivist:innen sprechen auch vom „Ghetto“. Während des Zweiten Weltkriegs verübten die deutschen Besatzer in dem Wald schwere Verbrechen – zugleich bot die Natur Juden und Partisanen Zuflucht. Nach 1945 errichtete die UdSSR an der Grenze zu Polen die sogenannte „Sistema“, ein Kontrollsystem aus Stacheldraht, Wachtürmen und Bunkern. „Diese Geschichte von Gewalt, Widerstand und Flucht ist der Landschaft tief eingeschrieben“, sagt Charles Heller und spricht von „Sedimenten der Gewalt“. Jede Ära bildet eine neue Schicht.
April 2026: Polens Innenminister Marcin Kierwiński meldet null illegale Grenzübertritte +++ Grenzschützer beobachten mehr Bewegung an der litauischen Grenze +++ Das Asylrecht an der Grenze zu Belarus bleibt ausgesetzt
Der Białowieża-Wald: ein Labor, in dem der Flüchtlingsschutz ausgehöhlt wird
Das Fazit des Reports ist eindeutig: Polen und die EU seien in eine Falle getappt, die sie sich selbst gestellt hätten. Die belarussische Regierung habe sie nur noch auslösen müssen. Denn nur weil Migrant:innen seit Jahren als Bedrohung behandelt und von sicheren, legalen Wegen in die EU ausgeschlossen würden, ließe sich ihr Grenzübertritt überhaupt „instrumentalisieren“. Mit enormem Aufwand habe Polen eine Grenzanlage errichtet – teilweise EU-finanziert –, Notstandsgesetze erlassen und Gewalt in Kauf genommen. Und damit genau jene Rechtsnormen untergraben, die Europa definierten.
Der Białowieża-Wald sei ein Labor, in dem der Flüchtlingsschutz ausgehöhlt würde – was man auch in der Krisenverordnung im neuen EU-Migrationspakt sehe. Und der Nutzen sei mehr als fragwürdig: „Wenn Staaten eine Grenze schließen, dann hat das maximal einen vorübergehenden Effekt“, sagt Charles Heller. „Denn das Bedürfnis der Geflüchteten nach einem besseren Leben in Europa bleibt bestehen – Migrant:innen finden immer einen Weg.“ In diesem „Mobilitätskonflikt“ seien Erfolgsmeldungen, wie sie die polnische Regierung abgibt, „geradezu absurd“.
Border Forensics und seine Partner wollen mit dem Report erreichen, dass Behörden und Staaten die Verantwortung für die Toten, die Vermissten und das Leid nicht länger negieren können. Wie aktuell das Thema ist, zeigt sich im Spätsommer 2026 in Lettland: Weil sich die Migrationsrouten dorthin verlagern, hat Riga den Grenzschutz verstärkt und spricht von einem hybriden Angriff durch Russland und Belarus. Bekannte Nachrichten, nur 400 Kilometer nördlich.
Der Report von Border Forensics verzichtet auf konkrete politische Ratschläge. Bis auf einen unbequemen Satz: Der einzige Weg, auf die Instrumentalisierung von Migration durch Belarus zu antworten, sei, Migrant:innen nicht länger pauschal als Bedrohung zu sehen – und ihnen legale Wege zu eröffnen, um EU-Gebiet sicher zu erreichen und Schutz zu beantragen. Bis das erreicht ist, wird Border Forensics weitermachen. Hinsehen, Daten sammeln, rechnen. Wahrscheinlich bald an einer neuen Grenze.