Sozialer Zusammenhalt: Wo steht unsere Gesellschaft und was kommt auf uns zu?

Wie könnte sich der gesellschaftliche Zusammenhalt hierzulande zukünftig entwickeln? Rücken wir wieder näher zusammen? Oder wird es immer mehr Dinge geben, die uns trennen? Wir skizzieren fünf mögliche Entwicklungen, gemeinsam mit einer Expertin.

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Über kaum ein soziologisches Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie über die Spaltung der Gesellschaft. Während die einen schon Grabenkämpfe und US-amerikanische Verhältnisse sehen, beschwichtigen die anderen, es herrsche bei den wichtigsten gesellschaftlichen Fragen noch Einigkeit. Doch wie wird das in einigen Jahren aussehen? Klar, in die Zukunft sehen kann niemand. Dennoch ist es sinnvoll, verschiedene Szenarien zu skizzieren – um über diese Zukunftsszenarien ins Gespräch zu kommen und sie mitzugestalten, anstatt sie nur passieren zu lassen. Das stärkt auch unsere Demokratie.

Laura-Kristine Krause ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation More in Common. Durch die strategische Partnerschaft mit der Robert Bosch Stiftung baut diese ihre Rolle als zentraler Akteur der deutschen Zusammenhalts- und Demokratieförderungsszene weiter aus. Anhand von verschiedenen Forschungsergebnissen, die mit Meinungsforschungsinstituten erarbeitet werden, gibt More in Common ein Lagebild des derzeitigen gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Was die Erkenntnisse für unser künftiges Miteinander bedeuten? Das zeigen drei eher optimistische und zwei eher pessimistische Zukunftsszenarien. Diese hat nicht More in Common entwickelt – sie wurden aus dem Gespräch mit Laura-Kristine Krause und verschiedenen gesellschaftspolitischen Forschungserkenntnissen abgeleitet.

Szenario 1: Das Gefühl, in einer gerechten Gesellschaft zu leben, nimmt wieder zu

Eine Grundvoraussetzung für eine starke Gesellschaft ist das Gefühl, dass es in ihr grundsätzlich gerecht zugeht. Dieses Gefühl scheint Deutschland derzeit jedoch abhandengekommen zu sein. „80 Prozent der von uns Befragten finden, dass es hierzulande eher ungerecht zugeht“, sagt Krause. „Das ist ein Spitzenwert. 2019 waren es 63 Prozent, während der Pandemie sank die Zahl sogar auf rund 50 Prozent.“ Für einen besseren Zusammenhalt in der Zukunft müsste dieses Gefühl der Ungerechtigkeit also wieder deutlich abnehmen.

Eine ebenfalls spannende Erkenntnis aus den Erhebungen von More in Common, für die Mitte 2023 gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Verian über 2.000 Menschen befragt wurden: Die meisten Deutschen nehmen ihr Land als gespalten wahr. Fragt man jedoch, entlang welcher Grenzen diese Spaltung verläuft, werden nur selten Faktoren wie Ost/West, Alt/Jung oder Stadt/Land genannt, die in Talkshows oder Zeitungsessays oft als Grund für eine gegenseitige Entfremdung herhalten müssen. „Mit großem Abstand auf Platz 1 wird stattdessen eine zunehmende Spaltung zwischen Arm und Reich genannt“, so Krause. Mehr bezahlbarer Wohnraum, sinkende Lebenshaltungskosten und eine ausgewogenere Verteilung von Einkommen und Vermögen sind Faktoren, die das Gefühl wieder stärken könnten, in einem gerechten, solidarischen und nicht in einem gespaltenen Land zu leben.

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Die größte Spaltung nimmt die Gesellschaft zwischen Arm und Reich wahr.

Szenario 2: Das Vertrauen in Politik und Institutionen sinkt weiter

Zunehmende Intransparenz sowie Korruptions- und andere Skandale in der Politik führen dazu, dass immer mehr Menschen das Vertrauen in die Politik verlieren und sich von demokratischen Prozessen abwenden. Neben unsicherer Wahlbeteiligung äußert sich dies in wachsender politischer Apathie. „Das Vertrauen in die Demokratie hat sich schon jetzt stark eingetrübt“, sagt Krause. „So sagen beispielsweise 68 Prozent der von uns Befragten, dass sie sich von der Politik in der Preiskrise 2023/24 im Stich gelassen fühlten.“

Den Menschen fehle es an Vertrauen, dass Politik und Wirtschaft die Krisen sinnvoll nutzten, so Krause. Zum Beispiel, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. In einer Zukunft, in der dieses Vertrauen noch weiter abnimmt, wäre die Gesellschaft immer seltener bereit, politische Entscheidungen mitzutragen und demokratische Ergebnisse zu akzeptieren. Um dies zu verhindern, sind positive Zukunftsvisionen notwendig, die über das alltägliche Klein-Klein hinausreichen und inspirierende Utopien formulieren. Außerdem braucht es Transparenz und Offenheit, um das Misstrauen der Bürger:innen gegen „die da oben“ zu entkräften.

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Das Vertrauen in die Politik sinkt. Das macht auch das Fundament, auf dem wir unsere Demokratie über viele Jahre aufgebaut haben, unsicher.
Thema

Demokratie

Szenario 3: Soziale Gemeinschaften werden stärker

Seit dem Erfolg von Facebook und Instagram sind mit „sozialen Netzen“ meist nicht mehr Nachbar:innen oder Freund:innen, sondern digitale Dienste gemeint. Analoge soziale Verbindungen zu stärken, ist jedoch eine entscheidende Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. So könnte diese Stärkung aussehen: neu eröffnete Gemeindezentren in Kleinstädten, die als Anlaufstelle für alle Altersgruppen und alle sozialen Schichten dienen. Ein Boom von Smartphone-Apps, die niedrigschwellig Ehrenämter vermitteln und Menschen, die sich in ihrer Region engagieren wollen, unkompliziert zusammenbringen. Gemischte Stadtviertel statt immer stärker nach Preisen segregierte Quartiere für Menschen mit unterschiedlichem Einkommen.

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Wer sich mehr im echten Leben begegnet, schafft Zusammenhalt und kann so auch neue Gemeinsamkeiten mit seinen Mitmenschen entdecken.

„62 Prozent der Deutschen sagen, dass sie Deutschland als gespalten empfinden“, sagt Krause und verweist auf eine weitere Befragung, die More in Common im Januar und Februar 2024 mit dem Forschungspartner Verian durchgeführt hat. „Doch wenn man nach einzelnen Themen fragt, stößt man mitunter auf großen Konsens und auf Werte, die von vielen Menschen geteilt werden.“ Mehr echte Begegnungen im öffentlichen Raum könnten dazu führen, dass die Menschen wieder mehr Gemeinsamkeiten entdecken, als es die – oft absichtlich polarisierenden – Social-Media-Plattformen erahnen lassen.

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Szenario 4: Immer mehr Menschen wenden sich vom politischen Weltgeschehen ab

Umfragen zufolge versuchen derzeit rund zehn Prozent der Deutschen – oftmals bewusst –, Nachrichten zu vermeiden. 65 Prozent tun dies gelegentlich. Dieses „News Avoidance“ oder „News Fatigue“ genannte Phänomen könnte in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen. Als Grund wird die oft überwiegend negative Nachrichtenlage genannt, die den Menschen aufs Gemüt schlägt und zu Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht führen kann. Dazu kommt die immer stärkere Konkurrenz von digitalen Unterhaltungsinhalten: Smartphone-Spiele, Klatsch und Tratsch, ein Instagram-Feed voller Hundewelpen – gerade in Zeiten von Klimakrise, Krieg und Konflikten für viele Menschen ein attraktiverer Gegenvorschlag zu Neuigkeiten über UN-Resolutionen und Haushaltslöchern. „Ein sinkender Nachrichtenkonsum kann jedoch dazu führen, dass wir uns als Gesellschaft nicht mehr auf derselben Informationsgrundlage bewegen“, warnt Krause. „Das gefährdet dann unsere Gesprächs- und Aushandlungsfähigkeit.“

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Unsere Nachrichtenportale haben Konkurrenz bekommen – doch Hundewelpen und Handyspiele können für unsere Gesellschaft große Nachteile mit sich bringen.

Szenario 5: Uns gelingt eine echte Integration von Migrant:innen

Jedes Jahr ziehen mehrere Hunderttausend Menschen aus Deutschland weg, in manchen Jahren sogar mehr als eine Million. Gleichzeitig wird die deutsche Gesellschaft immer älter. Es gehen mehr Menschen in Rente, statt neu ins Berufsleben einzutreten. Also müssen zahlreiche Menschen nach Deutschland ziehen, damit es genügend Arbeitskräfte gibt und der Fachkräftemangel nicht noch schlimmer wird. Schätzungen gehen von 1,5 Millionen benötigten Zuwander:innen pro Jahr aus.

Ein wichtiger Faktor für die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt ist die gelingende Integration von Migrant:innen. „Deutschland begreift sich an vielen Stellen noch nicht als Einwanderungsland“, so Krause. Dabei habe das Thema Migration sehr viel mit Zugehörigkeit zu tun: „Und das beinhaltet nicht nur neue Migration. Viele Menschen leben schon seit Jahrzehnten hier, und vielen von ihnen ist immer noch nicht klar, ob sie sich wirklich mitgemeint fühlen dürfen, wenn Deutschland von einem ,Wir‘ spricht.“ Eine wahrhaftig gelingende Integration hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab – von Bildungsangeboten über die Anerkennung von Qualifikationen bis hin zu einem guten Zugang zu Kinderbetreuung. Das Resultat wäre eine Gesellschaft, die kulturelle Vielfalt als Stärke begreift und die von gegenseitigem Respekt und Verständnis geprägt ist.

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Kulturelle Vielfalt ist eine große Stärke, doch um diesen Vorteil für uns zu nutzen, müssen wir zu einem „Wir“-Land werden.

Hinweis: Nicht alle geschilderten Szenarien sind nach Ansicht der Robert Bosch Stiftung oder der befragten Expertin wünschenswert. Auch über die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens gehen die Ansichten auseinander.

Das Dossier zum Thema

Sozialer Zusammenhalt

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