Evgenia, warum ist es Ihnen und Ihrem Team wichtig, Literatur gerade in Städte an der Kriegsfront zu bringen?
Evgenia Lopata: Die Literaturforen sind eine Möglichkeit, den Menschen, die dort leben, zu sagen: Ihr seid nicht verlassen, ihr bleibt Teil des ukrainischen Kulturlebens. Hierher kommen Schriftsteller:innen, Verleger:innen, Leser:innen – hierher kommt die Ukraine.
Kultur muss gerade dort sein, wo es die Menschen am schwersten haben. Uns ist wichtig, dass der Krieg das Leben dieser Städte nicht vollständig bestimmt. Dass Charkiw, Saporischschja und andere Städte in Frontnähe nicht nur mit Beschuss, Zerstörung und der Front in Verbindung gebracht werden, sondern auch mit Büchern, Poesie, Musik, Gesprächen und Begegnungen.
Das Wichtigste ist wohl: Wir wollen, dass die Menschen in diesen Städten nicht nur überleben, sondern auch leben. Dass sie Bücher lesen, Gedichte hören, sich treffen, diskutieren, sich verlieben, Pläne für die Zukunft schmieden. Denn genau für die Möglichkeit eines solchen Lebens kämpft die Ukraine.
Wie ist angesichts der Bedrohungslage in den Frontstädten überhaupt möglich, Literaturfestivals zu veranstalten?
Evgenia Lopata: Unser Konzept besteht darin, die Veranstaltungen möglichst direkt in Luftschutzbunkern durchzuführen. So müssen wir einzelne Programmpunkte nicht aufgrund von Angriffen absagen und können gleichzeitig ein möglichst hohes Maß an Sicherheit für alle Beteiligten gewährleisten.
Bei der Logistik und Transfers zwischen den Festivalstandorten werden wir häufig vom Militär unterstützt, da die Fahrten auf den Straßen und Fernstraßen in den Frontgebieten mit erheblichen Sicherheitsrisiken verbunden sind.
Aber Gefahren bleiben natürlich: Wir übernachten weiterhin in ganz normalen Hotels, bewegen uns im öffentlichen Raum und reisen mit Zügen, die ebenfalls von russischen Drohnen angegriffen werden können. Die permanente Bedrohung und die damit verbundene Anspannung ist wahrscheinlich die größte Herausforderung unserer Arbeit.
Und trotzdem: Literaturforen in Fronstädten zu veranstalten hat aus meiner Sicht nichts mit Heldentum zu tun oder damit, um einer schönen Geste willen ein Risiko einzugehen. Es ist ganz normale kulturelle Arbeit unter ungewöhnlichen Umständen. Wir versuchen einfach, unsere Arbeit dort zu leisten, wo sie heute besonders gebraucht wird.
Die Literaturforen in Odesa und Mykolajiw sind gerade zu Ende gegangen. Was ist Ihr aktueller Eindruck: Was können die Literaturforen den Menschen im Krieg geben?
Evgenia Lopata: Das Publikum – Jugendliche und Ältere, Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen, darunter viele Militärangehörige und Lehrkräfte – sucht in diesen Begegnungen ein Stück Licht und Wärme, ein Stück ihres früheren Lebens, in dem kulturelle Veranstaltungen selbstverständlich waren. Heute gibt es in einer Stadt wie Mykolajiw kaum noch Literaturveranstaltungen. Viele Besucherinnen und Besucher erzählten uns, dass sie das ganze Jahr auf unser Festival warten, weil es für sie sehr seltene Gelegenheit ist, Schriftstellerinnen und Schriftstellern persönlich zu begegnen.
Ich glaube, dass Kultur den Menschen während des Krieges Hoffnung gibt. Hoffnung auf eine Zukunft, auf ein Ende des Krieges und auf einen ukrainischen Sieg. Aber auch die Hoffnung, dass wir bis dahin unsere Kultur, unser Wissen und unsere Menschlichkeit nicht verlieren.
Denn selbst unter Beschuss kommen wir zusammen, lesen Bücher, tauschen Erfahrungen aus, diskutieren und reflektieren. Wir schaffen Räume für Begegnungen und für das Gefühl, nicht allein zu sein. Und genau darin liegt für mich vielleicht der größte Wert unserer Festivals.
Literaturforen Meridian
Unser Sonderbereich Ukraine fördert die Literaturforen Meridian in ukrainischen Frontstädten seit 2024. Mehr Einblicke und internationale Pressestimmen zu den Literaturforen gibt es hier: