Von der Früherkennung von Krankheiten bis hin zur Bewältigung des Klimawandels oder der Bekämpfung von Armut: Auf dem Einsatz künstlicher Intelligenz in verschiedenen Politikfeldern liegt große Hoffnung. Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in einem politisch sensiblen Bereich wie der Migrationspolitik?
Jessica Bither: Zunächst einmal wurde der Begriff „KI“ in den letzten Jahren für sehr unterschiedliche Dinge verwendet, daher ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was wir mit diesem Begriff meinen. In meiner jüngsten Arbeit habe ich mich mit dem beschäftigt, was wir „automatisierte Entscheidungsfindung“ (Englisch: automated decision-making, kurz ADM) in der Migrationspolitik nennen. Diese Systeme, die auf automatisierten Entscheidungen beruhen, werden bereits in bestimmten Bereichen der Migrationssteuerung getestet. So haben einige Regierungen beispielsweise damit begonnen, sie bei der Bearbeitung von Visaanträgen einzusetzen. Zudem gibt es in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten Programme, die Algorithmen nutzen, um anerkannte Asylbewerber:innen oder Flüchtlinge geeigneten geografischen Regionen oder Gemeinden zuzuordnen. Und es gibt auch andere Bereiche, zum Beispiel im humanitären Sektor oder in der Krisenprävention, wo im Zusammenhang mit Vertreibungen oder Migrationsbewegungen in bestimmten Regionen verschiedene, auf maschinellem Lernen basierende Modelle entwickelt werden.
Da Sie die Visapolitik erwähnt haben: Wie kann man beispielsweise sicherstellen, dass Menschen aus einem bestimmten Land durch den Einsatz von automatisierten Entscheidungssystemen nicht benachteiligt werden?
Wenn wir uns die Visapolitik ansehen, müssen wir erst einmal ganz genau verstehen, was dort automatisiert wird. Die kanadische Regierung hat beispielsweise ein Pilotprogramm für bestimmte Anträge auf befristete Aufenthaltsgenehmigungen für Menschen aus Indien und China eingeführt, bei dem ein ADM-System die Anträge nach Komplexität in Kategorien einsortiert. Die Anträge in Kategorie „eins“ werden direkt befürwortet, sodass der automatisierte Teil der Entscheidung nur bei Anträgen angewendet wird, die ohnehin genehmigt worden wären. Das ist wichtig: Es macht einen Unterschied, ob wie in diesem Fall das ADM-System bei sehr einfachen Anträgen positive Entscheidungen trifft oder ob ein Algorithmus eine Art Vorhersage oder Risikobewertung vornimmt. Derzeit setzt Kanada automatisierte Entscheidungssysteme nicht ein, um Visaanträge abzulehnen.
Natürlich ist es auch wichtig, auf welche Art von Daten man den Algorithmus stützt. Wenn man als Basis für ein ADM-System beispielsweise frühere Visa-Entscheidungen nutzt, besteht die Gefahr, persönliche Voreingenommenheiten einzelner Sachbearbeiter:innen zu codieren. Daher ist es bei der Entwicklung dieser Systeme immer wichtig, sich einer potenziellen Diskriminierung und Voreingenommenheit bewusst zu sein und die verwendeten Daten zu verstehen, auch, um eine aussagekräftige Wirkungsanalyse vornehmen zu können.