Diariou denkt nach. Vor ihrem Laptop dreht die Schülerin abwesend die Spitze eines Kugelschreibers in der Hand. Ihre Augen fliegen über die Ergebnisse einer Google-Suche zum Stichwort „Syrienkrise 2020“. Auf einem Lehrbuch neben Diariou steht in blauen Buchstaben „Global Politics“. Für dieses Fach sind die Tische im Klassenzimmer zu einem U aufgestellt worden. Normalerweise können die Jugendlichen so möglichst gut miteinander diskutieren. Heute jedoch ist Gruppenarbeit angesagt: Die 15 Schüler:innen sitzen über ihren Laptops und versuchen, ein theoretisches Modell zur Konfliktlösung auf unterschiedliche Länder anzuwenden.
Seit einem Jahr geht Diariou, die eigentlich aus Belgien kommt, am UWC Robert Bosch College in Freiburg zur Schule. Das staatlich anerkannte Oberstufeninternat bereitet junge Menschen aus aller Welt zwei Jahre lang auf ihren internationalen Abschluss vor. Nachhaltigkeit und Frieden stehen dabei aktiv auf dem Lehrplan – ob im regulären Unterricht oder bei außerschulischen Projekten, zum Beispiel im Schulgarten.
An diesem Morgen öffnet ein Junge die Tür zum Klassenzimmer und steckt den Kopf herein: „Gibt es hier ein HDMI-Kabel?“. Die Schüler:innen schauen von ihren Laptops auf, einer von ihnen zuckt kurz mit den Schultern. „Keine Ahnung. Frag am besten mal den IT-Mann“. Als Diariou diese Antwort hört, richtet sie sich auf und schaut eindringlich in die Runde. Schließlich hat auch der IT-Mitarbeiter einen Namen und eine Lebensgeschichte.
Gemeinsam zu lernen und zu leben stärkt das Bewusstsein für Vielfalt
Das Bewusstsein für unterschiedliche Lebensrealitäten ist einer der Kernaspekte, den die Schule ihren Schützlingen vermitteln möchte. Die rund 200 Schüler:innen hier kommen aus 90 Nationen, fast alle von ihnen auf Basis eines Voll- oder Teilstipendiums. Der finanzielle Hintergrund der Bewerber:innen soll keine Rolle dabei spielen, ob ihnen einer der jährlich 100 Plätze am College angeboten wird.
Dementsprechend vielfältig sind auch die Biografien und kulturellen Hintergründe der Schüler:innen. „Wenn die Jugendlichen hier gemeinsam lernen und leben, wächst ihr Bewusstsein für Vielfalt und ein respektvolles Miteinander“, erklärt Helen White, die das College seit 2024 leitet. „Sie verstehen, dass hinter politischen Konflikten immer Menschen und ihre Perspektiven stehen. Sich damit auseinanderzusetzen und miteinander zu sprechen, kann langfristig zum Frieden beitragen.“
Wie stark das Leben am Robert Bosch College ihre Ansichten prägt, merkt auch Diariou. „Vor meiner Zeit hier bin ich in Belgien auf eine katholische Schule gegangen und habe Vieles nur aus den Nachrichten gesehen und bewertet", sagt sie. „Dadurch habe ich mir oft schon eine Meinung gebildet, ohne überhaupt mit Menschen zu sprechen, die wirklich von einem Problem betroffen sind."
Auf dem Campus in Freiburg setzt sie sich nun aktiv mit den unterschiedlichsten Perspektiven auseinander. Hier lernen und leben die Schüler:innen rund um die Uhr zusammen. Ganz konfliktfrei läuft das natürlich nicht. „Wir sind keine Utopie", ordnet Helen White ein. „Unsere Schüler:innen sind zwischen 16 und 19 Jahren alt. Natürlich testen sie ihre Grenzen aus. Immer wieder haben wir auch Personen, die durch ihre Biografie ganz unterschiedliche Haltungen zu internationalen Konflikten haben und dadurch aneinandergeraten.“ In ihrer Rede zum Auftakt des Schuljahrs machte Helen White den Schüler:innen deshalb deutlich, dass sie auf dem Campus nicht ihre Nationalitäten, sondern nur sich selbst vertreten. „Die Erfahrung hier soll ihnen zeigen, dass sie am Ende mehr gemeinsam haben als sie trennt.“
Dieses Gemeinschaftsgefühl ist das Fundament des Schulalltags. Als Diariou nach dem Unterricht mit ihren Freundinnen beim Mittagessen im Hof sitzt, drängt sich hinter ihr eine Gruppe an Jugendlichen zusammen. Es sind die Schüler:innen aus dem Abschlussjahrgang, die in wenigen Minuten ihre Französischprüfung antreten werden. Als Diariou sie bemerkt, springt sie gemeinsam mit vielen anderen auf und stellt sich zu der Gruppe. Nacheinander werden die Prüflinge von einer Lehrkraft aufgerufen, um das Klassenzimmer zu betreten. Jeder Einzelne von ihnen wird dabei von johlendem Applaus und Anfeuerungen der übrigen Schüler:innen begleitet.
Gemeinschaft in allen Lebensbereichen: Schülerinnen aus vier Ländern in einem Zimmer
Ihr Zimmer teilt Diariou sich mit drei anderen jungen Frauen: Kiara aus Deutschland, Garima aus Nepal und Nacha aus Chile. Zu Beginn des Schuljahrs waren die vier Fremde, inzwischen stehen sie sich so nah wie Geschwister. In ihrem Vier-Bett-Zimmer in einem der zwölf Wohnwürfel des Internats hängen nicht nur die jeweiligen Landesflaggen, auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Schüler:innen kommen hier zum Vorschein – eine Symbiose aus Selbstverwirklichung und Kompromissen. Die Eingangstür haben die vier gemeinsam mit Sprüchen und Fotos verziert, die einzelnen Wohnbereiche sind individuell gestaltet. Auf Nachas Seite prangt eine Discokugel neben pinken Girlanden, Kiara hat am anderen Ende des Raums die Titel ihrer Lieblingsfilme, Bands und selbstgeschriebene Gedichte zu einem Visionboard zusammengestellt. Dazwischen haben Diariou und Garima ihren Platz, den sie mit Vorhängen abtrennen können. „Die Zimmer können herausfordernd sein, weil es wenig Raum gibt, um sich zurückzuziehen“, sagt Kiara. „Wir haben uns aber gut abgesprochen und unsere Grenzen ausdiskutiert: Wann wollen wir das Licht ausmachen? Ab wann soll es im Zimmer ruhig sein? Und wenn eine von uns mal eine Weile allein sein möchte, sagt sie einfach Bescheid und wir geben ihr dann den Raum.“
Kompromisse und Rücksicht stehen auch hier im Zentrum. Damit das Zusammenleben im Internat gut funktioniert, ist ein:e Haustutor:in für jeden Wohnwürfel zuständig. Einmal pro Woche steht ein obligatorisches Treffen aus dem Plan, auf dem Regeln und Konflikte besprochen werden. Doch die Tutor:innen sind bei Weitem nicht die einzigen Ansprechpersonen für die Jugendlichen: Das Robert Bosch College ist mit Psycholog:innen, Arzt- und Pflegepersonal und Lehrkräften ausgestattet, die speziell für jede einzelne Person zuständig sind. Der Betreuungsschlüssel liegt bei 1:8 – eine Zahl, von der staatliche Schulen oft nur träumen können.
Aus der Bubble in die Welt: Wie trägt man die Werte des Colleges in die Zukunft?
Garima nickt. „Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier in einer Bubble lebe“, sagt sie, als sie am Nachmittag im weitläufigen Garten der Schule sitzt. Um sie herum füttern ihre Zimmergenossinnen die schuleigenen Lamas. Dazwischen ziehen sich Gemüsebeete, die u.a. von den Schüler:innen bewirtschaftet werden. „Man kann leicht eine Art umgedrehten Kulturschock bekommen, wenn man merkt, dass Vieles, was für uns hier selbstverständlich geworden ist, woanders nicht so funktioniert. Aber dieser Ort macht mir Hoffnung, dass ich die Werte und das gegenseitige Verständnis mit in die Welt tragen kann.“
Für viele der Jugendlichen sind ihre zwei Jahre am College eine Zeit, in der sie ihre eigene Stimme finden. Diariou und Garima möchten nach ihrem Abschluss an der Universität studieren. Kiara und Nacha sind bereits einen Schritt weiter. Die beiden stehen kurz vor dem Ende ihrer Zeit in Freiburg. Ihre Habseligkeiten haben sie bereits in Kartons verstaut, in ein paar Tagen steht das große Abschlussfest für ihren Jahrgang an. Danach geht es für die beiden ab in die Welt.
Für diese Zeit haben die beiden Pläne: Nacha möchte Computer Science studieren, Kiara Ärztin werden. Ihre Zeit am College hat den Blick der beiden Frauen auf die Zukunft nachhaltig verändert. „Zuhause wollen alle die Welt verändern und ich hatte denselben Traum“, erklärt Nacha. „In den letzten zwei Jahren habe ich aber gelernt, dass es dafür ein „Wie" und ein „Warum" braucht. Ich habe hier ein Netzwerk an Menschen gefunden, die alle in unterschiedlichen Bereichen herausragend sind und genau dort etwas verändern möchten. Ich habe dadurch einen positiven Blick auf die Welt gewonnen und möchte in meinem Bereich dazu beitragen, dass es mehr Leuten so geht.“ Kiara nickt. „Ich habe hier gelernt, dass Veränderung nicht groß sein muss. Ich möchte in Zukunft mit Menschen sprechen und ihnen zeigen, dass es immer mehrere Perspektiven auf ein Problem gibt.“