Verständigung unter Druck: Das Osteuropa- und Ukraine-Engagement der Robert Bosch Stiftung

Seit mehr als fünf Jahrzehnten engagiert sich die Robert Bosch Stiftung für Verständigung, grenzüberschreitenden Austausch und eine starke Zivilgesellschaft in Mittel- und Osteuropa. Im Interview erläutert unser Geschäftsführer Dr. Bernhard Straub, welche Ziele die Stiftung mit ihrer Förderung in Osteuropa verfolgt, wie sie auf Propaganda und Desinformation blickt und warum sie ungeachtet der Einstufung als „unerwünschte Organisation“ durch Russland an ihren Grundüberzeugungen festhält.

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Eine Teilnehmerin des Vidnova Fellowship Programms heftet Zettel an ein Plakat mit der Aufschrift "We are Ukraine"

Die Robert Bosch Stiftung engagiert sich seit Jahrzehnten in Osteuropa. Warum ist dieses Engagement für die Stiftung so wichtig?

Bernhard Straub: Völkerverständigung, Frieden und gesellschaftlicher Zusammenhalt gehören seit jeher zum Auftrag der Robert Bosch Stiftung. Damit knüpfen wir an das Erbe unseres Stifters Robert Bosch an. Er setzte sich insbesondere für ein geeintes, friedliches Europa ein. Seine Überzeugung brachte er prägnant zum Ausdruck: „Nur gegenseitiges Verständnis kann ein erträgliches Verhältnis schaffen.“

Bereits in den 1970er-Jahren begann die Stiftung, die deutsch-polnischen Beziehungen zu fördern. Direkte Begegnungen über den Eisernen Vorhang hinweg waren damals keineswegs selbstverständlich. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die Stiftung ihre Arbeit auf ganz Mittel- und Südosteuropa und die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion ausgeweitet, wobei Russland und die Ukraine besonders im Fokus standen. 

Als Russland 2022 seinen vollumfänglichen Angriff auf die Ukraine begann, war für uns deshalb schnell klar, dass wir unsere (ehemaligen) Partnerinnen und Partner in der Ukraine unterstützen müssen. Dabei geht es nicht nur um Hilfe in einer akuten Krise. Entscheidend ist auch, wie eine freie und demokratische Gesellschaft unter den Bedingungen eines Krieges bestehen und ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten kann.

Welche Bedeutung haben die langjährigen Erfahrungen und Netzwerke der Stiftung in der Region?

Bernhard Straub: Wir sind seit vielen Jahrzehnten mit Mittel- und Osteuropa verbunden und haben von Mitte der 1990er bis weit in die 2010er Jahre insbesondere Programme gefördert, die auf persönliche Begegnungen – vor allem zwischen jungen Menschen – setzten. Aus dieser Arbeit entstanden Netzwerke und Partnerschaften, die bis heute tragen.

Ein Beispiel ist das Theodor-Heuss-Kolleg, mit dem die Stiftung das zivilgesellschaftliche Engagement junger Menschen unterstützte. Programme wie das Theodor-Heuss-Kolleg wurden später für unser Engagement in ganz Mittel- und Osteuropa prägend. Auch MitOst ging aus der früheren Arbeit der Stiftung hervor. Der Verein wurde von ehemals Geförderten der Stiftung gegründet und verbindet heute Menschen aus zahlreichen Ländern. Er ist ein wichtiger Partner für unsere Ukraine-Förderung. Ehemalige Geförderte aus Mittel- und Osteuropa bilden zudem die größte Gruppe der Alumni, die in unserem Bosch Alumni Netzwerk organisiert sind und über unser International Alumni Center bis heute mit der Stiftung verbunden sind.

Solche langfristigen Beziehungen schaffen Vertrauen. Sie helfen uns, gemeinsam mit unseren Partner:innen, Entwicklungen realistisch einzuschätzen und Förderansätze zu entwickeln, die auf die jeweilige Situation vor Ort zugeschnitten sind.

2024 hat die Stiftung einen eigenen Sonderbereich Ukraine eingerichtet. Wie hat sich die Förderung seit Beginn des Angriffskriegs entwickelt?

Bernhard Straub: Unmittelbar nach dem Angriff stand schnelle und unbürokratische Nothilfe im Mittelpunkt. Viele unserer Partnerinnen und Partner befanden sich in einer existenziellen Ausnahmesituation. Zugleich wurde rasch deutlich: Die Ukraine braucht nicht nur kurzfristige Hilfe, sondern verlässliche, langfristige Perspektiven.

Deshalb haben wir unser Engagement strategisch weiterentwickelt. Heute kooperieren wir vor allem mit Organisationen der ukrainischen Zivilgesellschaft. Sie sind ein wesentlicher Faktor für die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft und aktive Treiber des Wandels und das, obwohl sie unter enormem Druck stehen. Wir unterstützen sie dabei, auch unter extremen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Und wir setzen uns dafür ein, dass ihre Erfahrungen und Positionen beim Wiederaufbau des Landes berücksichtigt werden.

Eine wichtige Erkenntnis lautet: Gesellschaftliche Resilienz entsteht nicht allein durch Infrastruktur oder finanzielle Mittel. Resilienz erfordert handlungsfähige Institutionen, gegenseitiges Vertrauen und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Genau dort setzt unsere Förderung an.

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Bernhard Straub

„Unser Ziel ist eine Ukraine, die nicht nur materiell wiederaufgebaut wird, sondern demokratisch, gesellschaftlich und institutionell gestärkt aus dem Krieg hervorgeht.“

Dr. Bernhard Straub

Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung

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Die Robert Bosch Stiftung wurde im Juli 2026 von Russland als „unerwünschte Organisation“ eingestuft. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Bernhard Straub: Natürlich bedauern wir diese Entscheidung. Sie steht für die zunehmende Einschränkung zivilgesellschaftlicher Freiräume in Russland und zeigt, wie schwierig unabhängige internationale Zusammenarbeit inzwischen geworden ist. Bereits vor dem Beschluss der russischen Regierung war es für zivilgesellschaftliche Akteure aus Russland mit erheblichen Risiken verbunden und unter den gegebenen Bedingungen kaum noch möglich, mit uns in den Austausch zu treten. Die nun erfolgte Einstufung ist zugleich Ausdruck eines politischen Umfelds, in dem bereits die Unterstützung unabhängiger zivilgesellschaftlicher Arbeit als Bedrohung wahrgenommen und unterbunden wird.

Einstufung der Robert Bosch Stiftung als „unerwünschte Organisation“ in Russland

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An unseren Grundüberzeugungen aber ändert diese Einstufung nichts. Gerade wenn politische Spannungen wachsen und der Raum für unabhängige Stimmen kleiner wird, bleiben diese Aufgaben wichtig.

Die Stiftung ist seit Ende 2020 nicht mehr in Russland tätig. Unser Engagement in der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch haben wir bis Ende 2024 weitergeführt. Wie der Jugendaustausch, so dienten auch Programme wie beispielsweise das Robert Bosch-Lektorenprogramm, die Förderung von Städtepartnerschaftskonferenzen oder die Kulturmanagerprogramme dem fachlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch. Sie verfolgten keine politischen Ziele und waren nicht gegen Russland oder seine Bevölkerung gerichtet, ganz im Gegenteil – sie dienten der Verständigung zwischen Deutschen und Russ:innen.

In russischen Staatsmedien werden falsche Behauptungen über die Robert Bosch Stiftung verbreitet. Was setzen Sie diesen Darstellungen entgegen?

Bernhard Straub: Seit über sechzig Jahren stärkt die Robert Bosch Stiftung mit ihrer gemeinnützigen, unabhängigen und überparteilichen Förderarbeit die Verständigung und den Austausch zwischen Menschen. Unsere Arbeit war und ist darauf gerichtet, Dialog, Bildung, Kultur, Wissenschaft und zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken. Sie richtet sich nicht gegen die Menschen in Russland und auch nicht gegen den russischen Staat. Die Robert Bosch Stiftung hat nie kriegerische Auseinandersetzungen oder Militär unterstützt und tut das auch heute nicht.

Alle unsere Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa waren auf Austausch und Verständigung ausgerichtet. Um ein paar Beispiele für Russland zu nennen: In über 20 Jahren intensiven Engagements haben wir in einer privat-öffentlichen Partnerschaft mit dem Bundesjugendministerium, der Stadt Hamburg und dem Ostausschuss der deutschen Wirtschaft die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gegründet und gefördert; wir haben junge Menschen aus Deutschland an Universitäten in ganz Russland gebracht, um dort Deutsch zu unterrichten. Und wir haben den Kulturaustausch zwischen Deutschland und Russland sowie Übersetzungen aus dem Russischen gefördert.  

2012 hatte das russische Parlament ein Gesetz beschlossen, das alle russischen Organisationen, die Förderung aus dem Ausland annehmen, als „ausländische Agenten“ einstuft und sie weitreichenden staatlichen Auflagen unterwirft. Für unsere Partner:innen vor Ort war es damit zuletzt fast unmöglich geworden, mit uns zusammenzuarbeiten.

Unser Engagement in Russland ist seit 2020 beendet. Zu diesem Zeitpunkt haben wir aus grundsätzlichen strategischen Überlegungen unsere gesamte internationale Arbeit auf thematische Schwerpunkte umgestellt und die vorherigen regionalen Schwerpunkte auslaufen lassen. Im Rahmen unserer thematischen Schwerpunkte sind wir in wenigen mittel- und osteuropäischen Ländern aktiv, beispielsweise in Polen, um mit Partner:innen unsere gemeinsamen Ziele etwa im Bereich regenerative Landnutzung und Klimaschutz zu erreichen.

Welche Ziele verfolgt die Stiftung mit ihrem Ukraine-Engagement in den kommenden Jahren?

Bernhard Straub: Mit den 20 Millionen Euro, die uns bis Ende 2028 zur Verfügung stehen, wollen wir die ukrainische Zivilgesellschaft langfristig stärken und dafür sorgen, dass sie am Wiederaufbau des Landes, der eine Erneuerung aller gesellschaftlichen Bereiche bedarf, maßgeblich beteiligt wird. Sie trägt bereits jetzt durch die Übernahme von staatlichen Aufgaben zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Widerstandsfähigkeit des Landes bei.

Dazu unterstützen wir lokale Organisationen wie Bürgerstiftungen dabei, durch zivilgesellschaftliches Engagement zur Ernährungssicherheit beizutragen. Wir identifizieren neue Finanzierungsansätze, um Organisationen unabhängiger zu machen, und begleiten innovative Organisationen in ihrem nächsten Entwicklungsschritt. Dem Mut und der Innovation auf ukrainischer Seite geben wir mit unserer Förderung den notwendigen Raum – auch dort, wo dies bedeutet, Risiken einzugehen.

Zudem bringen wir ukrainische Perspektiven in internationale Debatten ein, beispielsweise auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Darüber hinaus vernetzen wir mit der Initiative Foundations for Ukraine philanthropische Organisationen, damit sie Wissen teilen, ihre Aktivitäten besser aufeinander abstimmen und vorhandene Ressourcen wirksamer einsetzen können. Daraus entstehen auch Kooperationen wie ein gemeinsamer Fonds internationaler Stiftungen für Mentale Gesundheit, der mit einem Startkapital von fast 3 Millionen Euro implementiert wurde.

Unser Ziel ist eine Ukraine, die nicht nur materiell wiederaufgebaut wird, sondern demokratisch, gesellschaftlich und institutionell gestärkt aus dem Krieg hervorgeht. Dazu möchten wir gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern beitragen.

Was gibt Ihnen trotz der anhaltenden Herausforderungen Hoffnung?

Bernhard Straub: Mich beeindruckt die Entschlossenheit unserer Partnerinnen und Partner in der Ukraine. Trotz Krieg, Unsicherheit und persönlicher Belastungen engagieren sie sich für Bildung, Kultur, soziale Teilhabe und demokratische Entwicklung.

Ihr Handeln zeigt, was Zivilgesellschaft konkret bedeutet: in jeder Lage Verantwortung für andere zu übernehmen und das Gemeinwesen mitzugestalten. Solange Menschen dazu bereit sind, gibt es eine Grundlage für Frieden, Zusammenhalt, Freiheit und eine gemeinsame Zukunft.

 

Die Fragen stellte Stefanie Kaufmann-Dimeski.

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