Ich habe einen großen Teil meiner beruflichen Laufbahn zwischen zwei Orten verbracht, die scheinbar wenig gemeinsam haben: Belfast und Jerusalem. Doch wenn man in einem Gemeindezentrum in West-Belfast sitzt, in dem ehemalige Paramilitärs heute gemeinsam ein Jugendprogramm leiten, oder in einem Klassenzimmer in Jerusalem, in dem israelische und palästinensische Kinder Seite an Seite lernen, stellt sich ein merkwürdiges Gefühl des Déjà-vu ein:
„Frieden ist letztlich nichts, das politische Führungs-persönlichkeiten einfach durch ihre Unterschrift erschaffen.“
Gesellschaften müssen Frieden aufbauen – Beziehung für Beziehung, lange bevor und lange nachdem eine Vereinbarung geschlossen wird.
Das Karfreitagsabkommen, das den blutigen Konflikt in Nordirland beendete, wird als Triumph politischer Verhandlungen in Erinnerung behalten. Doch es war auch das Ergebnis jahrelanger geduldiger und weitgehend unsichtbarer Arbeit von Menschen, die sich weigerten zu akzeptieren, dass Katholiken und Protestanten, Unionisten und Republikaner zwangsläufig für immer Feinde sein müssten.
Fundbuilding: Der unbesungene Held im Hintergrund
Zwölf Jahre vor dem Abkommen, in den dunkelsten Tagen der „Troubles“, richteten die britische und die irische Regierung gemeinsam mit internationalen Partner:innen den International Fund for Ireland ein. Seine Aufgabe war wenig glamourös: Projekte fördern, die Gemeinschaften miteinander verbinden, den Dialog zwischen Menschen aufrechterhalten, die allen Grund hatten, einander zu misstrauen, und eine gesellschaftliche Basis für den Frieden schaffen, bevor die Politiker:innen – die sich weigerten, überhaupt denselben Raum zu betreten, geschweige denn miteinander zu verhandeln – bereit waren, einen Friedensschluss zu ermöglichen.
Jonathan Powell, heute nationaler Sicherheitsberater des britischen Premiers Andy Burnham und damals britischer Chefunterhändler bei den Friedensverhandlungen, bezeichnete den Fonds als den „großen unbesungenen Helden“ des Friedensprozesses. Ohne diese Vorarbeit hätte es deutlich weniger öffentlichen Raum für Kompromisse gegeben und weniger Gemeinschaften, die bereit gewesen wären, den Frieden nach der Unterzeichnung des Abkommens tatsächlich zu tragen und zu bewahren.
Mehr Peacebuilding mit weniger Mitteln?
Seit nahezu zwei Jahrzehnten arbeite ich in der Überzeugung, dass Israelis und Palästinenser:innen sich genau in jenem Teil dieser Geschichte befinden, der dem Durchbruch vorausgeht: dem langen, chronisch unterfinanzierten und wenig spektakulären Abschnitt. Bereits heute nehmen jedes Jahr Hunderttausende an gemeinsamen Bildungsprogrammen, Maßnahmen zur Traumabewältigung, wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Gemeindedialogen und Initiativen zur Förderung junger Führungskräfte teil. Diese Arbeit geht sogar mitten im Krieg weiter; tatsächlich haben die vergangenen drei Jahre zunehmender Gewalt gleichzeitig auch einen deutlichen Anstieg friedensfördernder Aktivitäten hervorgebracht. Dennoch wird diese Arbeit nur mit einem Bruchteil der Mittel finanziert, die Nordirlands Friedensinfrastruktur pro Kopf während ihrer dunkelsten Jahre erhielt.
Nordirland ist damit kein Einzelfall. In Südafrika und Kolumbien half die Zivilgesellschaft dabei, Spannungen abzubauen, Gemeinschaften durch fragile Übergangsphasen zu tragen, Ideen zu erproben, die Politiker:innen noch nicht aufgreifen konnten, und gesellschaftliche Gruppen aufzubauen, die schwierige Kompromisse mittragen konnten. Nichts davon findet sich in einem Friedensabkommen selbst wieder – sein Wert wird erst später sichtbar, nämlich daran, ob ein Abkommen Bestand hat.
Warum es einen Fonds für Frieden in Westasien braucht
Diese Lehre wurde mir diesen September in Brüssel erneut vor Augen geführt. Dort kamen mehr als 80 israelische, palästinensische und internationale Peacebuilder, Praktiker:innen und politische Entscheidungsträger:innen zusammen, um Erfahrungen aus anderen Konflikten miteinander zu vergleichen. Dabei wurde deutlich, dass die Zivilgesellschaft in sehr unterschiedlichen Konflikten immer wieder jene Arbeit leistet, die politische Durchbrüche überhaupt erst möglich macht: Sie erweitert den Horizont dessen, was Menschen sich vorstellen können, hält gesellschaftliche Unterstützerkreise für den Frieden am Leben und schafft die Grundlagen, auf denen politische Vereinbarungen letztlich stehen müssen.
Genau deshalb ist die Gründung eines International Fund for Israeli Palestinian Peace durch das Vereinigte Königreich, Kanada und Australien im Juni dieses Jahres von so großer Bedeutung. Nach dem Vorbild des nordirischen Fonds gestaltet, handelt es sich um eine Idee, die unsere Organisation erstmals 2004 vorgeschlagen hat und für die sie sich seitdem einsetzt. Seine Einführung ist ein echter Fortschritt. Um jedoch die Wirkung seines irischen Vorbilds zu erreichen, braucht er eine langfristige Finanzierung sowie weitere Regierungen, Stiftungen und philanthropische Geldgeber:innen, die bereit sind, auf dieselbe Weise zu investieren wie die Unterstützer:innen des irischen Fonds vor Jahrzehnten: nämlich, die Infrastruktur für Frieden bereits vor dem politischen Durchbruch zu finanzieren, und nicht erst danach.
Politische Führungspersönlichkeiten können Kriege beenden und Abkommen unterzeichnen. Doch wenn Frieden von Dauer sein soll, müssen Gesellschaften bereits genügend Vertrauen, Beziehungen und öffentlichen Rückhalt aufgebaut haben, um ihn zu tragen. Genau diese wenig spektakuläre und langfristige Arbeit haben die Peacebuilder in Nordirland geleistet, und genau diese Arbeit wird heute von der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft erbracht – mit nur einem Bruchteil der Unterstützung, die dafür notwendig wäre.
Die Lehre ist einfach: Investitionen vor dem Durchbruch. Das kann den Unterschied ausmachen zwischen einem Abkommen, das sein erstes schwieriges Jahr übersteht, und einem, das daran scheitert.
Der Autor John Lyndon ist Geschäftsführer der Alliance for Middle East Peace (ALLMEP), eines lokal verankerten und international unterstützten Netzwerks von mehr als 200 palästinensischen und israelischen Organisationen, die sich dafür einsetzen, Frieden von der Basis aus zu schaffen.