In jüngster Zeit prägen Untergangsszenarien und der Ruf nach mehr Regulierung die Diskussion über Künstliche Intelligenz. Nachdem im Juli KI-Agenten von OpenAI über ihre vorgesehene Aufgabe hinausgegangen und das System einer anderen Plattform angegriffen hatten, stand plötzlich die Sorge vor der Vernichtung der Menschheit im Raum. In überraschender Einigkeit fordern die einflussreichen Chefs von Anthropic und OpenAI, Dario Amodei und Sam Altman, ebenso wie Elon Musk, die Entwicklung der leistungsfähigsten System Künstlicher Intelligenz zu verlangsamen.
Was steckt dahinter? Und wie kann Europa zwischen technologischem Fortschritt und gesellschaftlicher Verantwortung seinen eigenen Weg finden? Und welche Rolle können Stiftungen einnehmen? Darüber spricht Kerstin Lohse-Friedrich, Bereichsleiterin Kommunikation der Robert Bosch Stiftung, mit dem Tech-Journalisten und Podcast-Host Fritz Espenlaub. Beim heutigen Robert Bosch Forum in Stuttgart hält er den Impulsvortrag zum Thema „Mensch.Macht.KI“.
Herr Espenlaub, lange haben die großen KI-Unternehmen vor allem auf möglichst schnelle Entwicklung und Wachstumskurs gesetzt. Warum werben nun ausgerechnet führende KI-Unternehmer für mehr Regulierung und teilweise sogar für eine Verlangsamung der Entwicklung?
Fritz Espenlaub: Die Angst vor der Super-KI ist so alt wie die aktuelle KI-Revolution selbst. Es ist die Kehrseite der Medaille der großen Hoffnungen, die viele in der KI-Industrie mit dieser Technologie verbinden. Für Key Player im Silicon Valley ist klar: wir arbeiten an der letzten Erfindung der Menschheit – die entweder all unsere Probleme löst, oder aber uns über den Kopf wächst. Letztere Sorge ist es, die hinter den aktuellen Debatten rund um Regulierung steckt. Wie ehrlich die Tech-Bosse es meinen, ist allerdings durchaus umstritten: Die führenden Labs könnten von Regulierung auch profitieren, wenn dadurch für neue Konkurrenten der Markteintritt erschwert wird. Das macht die Debatte ziemlich kompliziert.
Wenn Sam Altman, Dario Amodei oder Elon Musk von Regulierung sprechen: Was meinen sie genau? Geht es um staatliche Aufsicht, technische Sicherheitsstandards oder um etwas anderes?
Alle drei genannten Personen wähnen sich in einem Gefangenendilemma: Jeder denkt, die eigene Entwicklung nicht verlangsamen zu können, weil sonst die Konkurrenz an ihm vorbeizieht. Staatliche Regulierung (oder zwischenstaatliche Abkommen) könnten dieses Dilemma theoretisch auflösen. Unklar ist aber, wie das konkret aussehen könnte. Ein aktueller Vorschlag von Anthropic-Chef Dario Amodei: die führenden KI-Unternehmen sollten sich dauerhaft von externen Experten kontrollieren lassen und diesen Zugang zu allen firmeninternen Entwicklungen geben.
Fritz Espenlaub
Fritz Espenlaub ist Tech-Journalist und Moderator von „Der KI-Podcast“, dem wöchentlichen ARD-Podcast zur Künstlichen Intelligenz. Er beschäftigt sich mit Innovation, Deep Tech und die Auswirkungen von KI auf Wirtschaft und Gesellschaft.
KI ist längst auch eine geopolitische Frage. Während die USA und China enorme Summen investieren und sich ein Wettrennen liefern, ringt Europa um seinen Platz. Gibt es international überhaupt eine realistische Chance auf gemeinsame Regeln für KI?
Wir sind aktuell wahrlich nicht in der besten Zeit für internationale Abkommen. Aber ich will es nicht ausschließen. Auch im Kalten Krieg haben die USA und die Sowjetunion bei bestimmten Themen zusammengefunden. Das sollte grundsätzlich auch in der heutigen angespannten geopolitischen Weltlage möglich sein.
Europäische Forscher und Politiker haben kürzlich eine KI-Strategie für Europa präsentiert. Ziel ist es, dass Europa nicht abgehängt wird. Wie bewerten Sie diese Strategie?
Inhaltlich ist da sehr viel Gutes drin, etwa die Erkenntnis, dass Europa um jeden Preis den Zugang zu Frontier AI sichern muss und das als geopolitisches Interesse begreifen sollte. Unser großes Problem ist aber, dass wir sehr viele Strategiepapiere haben – und trotzdem immer noch zu wenig eigene Rechenzentren und KI-Unicorns.
Ihr kommendes Buch trägt den Titel „Das Ende der Welt ist erst der Anfang“. Sie fragen darin, wie technologische Entwicklungen zu einem freieren, menschenwürdigeren Leben beitragen können. Was braucht es dafür konkret?
Zum einen, dass wir den gegenwärtigen historischen Moment in seiner Tragweite anerkennen: es geht ums Ganze für Europa und wir werden unsere Freiheit, Unabhängigkeit und unseren Wohlstand nicht bewahren können, wenn wir nicht endlich wirklich ernst machen. Gleichzeitig sollten wir aber nie die Freude an Fortschritt verlieren. Die aktuellen Umwälzungen sind auch eine Chance, unsere europäischen Werte in die Zukunft zu übertragen und selbstbestimmter zu werden.
An einem Positiv-Szenario arbeiten auch Stiftungen. Die Gates Foundation wird für die Demokratisierung von KI in Ländern des Globalen Südens über die nächsten zwei Jahren eine Milliarde US-Dollar zusätzlich ausgeben. Wo sehen Sie die größten Hebel für Stiftungen?
Wir haben im Laufe unserer Menschheitsgeschichte sehr viele Probleme durch gute Ideen gelöst. Auch die aktuellen Probleme lassen sich prinzipiell durch die richtigen Ideen lösen. Woher kommen Ideen? Aus Gehirnen. Der größte Hebel für Stiftungen ist als meiner Meinung nach: Mehr menschlichen Gehirnen die Möglichkeit geben, gute Ideen zu haben, sei es durch Forschungsförderung oder schlicht durch mehr Zugang zu Bildung für mehr Menschen. Daran ändert auch die KI-Entwicklung nichts – im Gegenteil!
Was wäre für Sie ein positives KI-Szenario für Europa im Jahr 2035?
KI ist sicher und leistungsfähig – und hilft uns dabei, die Grundlagen zu schaffen für ein gutes Leben. Europäische KI ist dabei eine unter anderen, resilient und an der Frontier. Was daraus alles entstehen kann – da sind der Vorstellungskraft kaum Grenzen gesetzt. Um jedoch in dieses Szenario zu kommen, ist noch viel zu tun.