- Mythos: Es gibt „die eine KI“
Sprache prägt unsere Wahrnehmung der Welt. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist dafür ein gutes Beispiel. Denn „die eine KI“ gibt es nicht. Ursprünglich bezeichnete der Begriff ein Forschungsfeld der Informatik, heute dient er als Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Verfahren des maschinellen Lernens. Große Sprachmodelle funktionieren anders als Systeme zur Texterkennung, Bildanalyse oder zur Sortierung von Inhalten in sozialen Netzwerken. Sie basieren auf unterschiedlichen Datengrundlagen, bringen jeweils eigene Risiken mit sich, unterscheiden sich in ihrer Zuverlässigkeit und verbrauchen unterschiedlich viel Energie.
Erst wenn wir konkret benennen, über welche Technologie wir sprechen, wird eine differenzierte gesellschaftliche Debatte möglich: Welche Chancen bieten einzelne Verfahren? Wo liegen ihre Grenzen? Und in welchen Bereichen ist ihr Einsatz sinnvoll?
2. Mythos: Technologie ist neutral
Digitale Systeme entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden von Menschen entwickelt, von Konzernen finanziert und von politischen Interessen geprägt. Jede technische Entscheidung bestimmt mit, was sichtbar wird, wer zählt und wer übersehen wird. Wenn KI-Systeme Diskriminierung reproduzieren oder prekäre Arbeit unsichtbar machen, sind das keine technischen Zufälle, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Im Kontext von KI und Gemeinwohl lohnt es sich, ganz genau hinzusehen. Denn Macht ist extrem konzentriert. Nur wenige Unternehmen können sich die enormen Infrastrukturkosten leisten, die das Training großer Modelle erfordert. Die meisten sitzen in den USA, in einem politischen Klima, in dem beispielsweise das Thema Diversität zunehmend als „woke Ideologie“ diffamiert wird.
In diesem politischen Klima entwickeln OpenAI, Google, Meta und Co. Produkte, die für immer mehr Menschen zugänglich werden. Noch vor wenigen Jahren betonten sie öffentlich ihr Engagement für Vielfalt und Inklusion. Heute sind diese Bekenntnisse weitgehend verschwunden. Werte, so zeigt sich, sind für Big Tech verhandelbar, solange Wachstum und Shareholder Value stimmen.
3. Mythos: Technologie kann gesellschaftliche Probleme lösen
Wenn KI eines nicht kann, dann eine ungerechte Welt magisch in einen gerechteren Ort verwandeln. Bleiben wir beim Beispiel Diversität: Solange Rassismus, Misogynie, Homophobie sowie Trans- und Behindertenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft existieren, werden diese Formen der Diskriminierung auch in technischen Systemen auftauchen und dort sogar verstärkt.
Es gibt sensible Bereiche wie das Personalrecruiting, in denen man die Limitationen und Schwächen automatisierter Verfahren sehr genau abwägen muss. Bereiche, die auch der Gesetzgeber nicht ohne Grund als Hochrisiko einstuft. Es gibt aber auch weniger kritische Bereiche, in denen der gezielte Einsatz von Werkzeugen durchaus nützlich sein kann. Etwa, wenn KI-Anwendungen dabei unterstützen, gendergerechte Sprache zu verwenden oder auf einseitige und vorurteilsbehaftete Formulierungen aufmerksam machen.
Wenn man die Technologie aber ins Zentrum von Überlegungen rund um Gerechtigkeit und Gemeinwohl stellt, dann läuft man Gefahr, anstatt besserer Welten einfach nur bessere digitale Werkzeuge zu bauen. Wer an gesellschaftlichen Herausforderungen arbeiten will, muss Technologie gezielt aus dem Fokus nehmen und sich mit den Ursachen der Probleme auseinandersetzen. Technologiesolutionismus ist eine Falle, in die man im Jahr 2026 nicht mehr tappen sollte.
Denn: Keine Technologie – und sei sie noch so fortgeschritten – wird uns jemals magisch von gesellschaftlichen Herausforderungen befreien. Bild- und Gesichtserkennung, maschinelles Lernen, generative KI sind keine Lösungen für ein Problem, sie sind Werkzeuge. Und wie bei jedem Werkzeug kann ihr Einsatz unter bestimmten Voraussetzungen nützlich sein. So helfen Verfahren des maschinellen Lernens bei Röntgenaufnahmen, MRTs, CT-Scans oder Mammografien bei der Früherkennung von Krebs. Dadurch werden aber weder Ärzt:innen noch ein funktionierendes Gesundheitssystem obsolet.
Was braucht es, um KI in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen?
An diesem Punkt wäre es schön, ein Rezept zu haben, dem man einfach nur folgen muss. Doch wie bei so vielem ist Komplexität der Schlüssel: Zusammenhänge zu verstehen, Machtverhältnisse aufzudecken, gesellschaftliche Probleme in all ihren Facetten zu durchdringen, hinter Marketingversprechen zu blicken und sich nicht hetzen zu lassen von Big Tech, die einem die eigene Ideologie verkaufen wollen. Eines ist klar: KI fürs Gemeinwohl kann nicht dieselbe KI sein, die Unmengen an ökologischen Ressourcen verschlingt und auf prekärer menschlicher Arbeit beruht, die von Millionen von Datenarbeiter:innen geleistet wird.
Es kann nicht darum gehen, KI einen gerechten Anstrich zu verleihen, während die Welt ungerecht bleibt. Es geht darum, Machtverhältnisse zu verändern, die Ungerechtigkeiten hervorbringen. Der Weg dahin führt vom Aufbrechen von Monopolen über starke Regulierung, (die auch wirklich durchgesetzt wird) bis hin zur Förderung von Alternativen und Finanzierung für Maßnahmen jenseits von digitalen Werkzeugen.
Alles beginnt damit, dass man es schafft, sich eine bessere Welt vorzustellen. Eine Welt, in der nicht die Technologie, sondern das Wohl von Mensch und Planeten im Zentrum steht.
Julia Kloiber
Die Autorin dieses Beitrags, Julia Kloiber, ist Mitgründerin der feministischen Organisation SUPERRR, die wir von der Robert Bosch Stiftung fördern. Sie erforscht Zukunftsnarrative der Digitalisierung mit einem Fokus auf Gesellschaft und Demokratie. Sie schreibt eine regelmäßige Kolumne für den MIT Technology Review und berät Politik und Zivilgesellschaft.