Ukraine: Vom Wert der Widerstandsfähigkeit

Die „Ukrainian Community of Dialogue Practicioners“ (UCoDP) will den Menschen in der Ukraine dabei helfen, ihre Resilienz zu stärken, Traumata zu bewältigen – und die Gesellschaft auch auf die Zeit nach dem Krieg vorbereiten. Dabei kommt es auf handlungsfähige Strukturen an. Wir unterstützen die Initiative seit Anfang 2023. Was ist seither passiert?

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CoP-Ukraine

Wenn die mentale Belastung in Kyjiw Olena Kukhar zu überwältigen droht, dann nimmt sie ihren Sohn und fährt in die Westukraine. Ein paar Tage raus ins Grüne, zum Wandern in den Karpaten. Zumindest, wenn das möglich ist. Denn was in Mitteleuropa selbstverständlich ist, zählt in der Ukraine längst zum Luxus. Die Realität in der Hauptstadt und anderswo ist geprägt von Stromausfällen, Bombeneinschlägen und dem bangen Warten auf den nächsten russischen Terrorangriff aus der Luft.

„An einem sicheren Ort können Sie einen philosophischen Ansatz verfolgen und über die fernere Zukunft nachdenken“, sagt Olena Kukhar. In der Ukraine sei das derzeit nicht möglich. Immer wieder kommen negative Nachrichten von der Front. Schlagen Granaten in der Hauptstadt ein. Töten Marschflugkörper Menschen. Zerstören russische Raketen Infrastruktur im ganzen Land. „In dieser Situation versucht man sich auf Dinge zu fokussieren, die man selbst kontrollieren kann.“

Für Olena Kukhar bedeutet das, sich bei der „Ukrainian Community of Dialogue Practicioners“ (UCoDP) zu engagieren. Seit Januar 2024 arbeitet sie als Koordinatorin im Generalsekretariat dieser zivilgesellschaftlichen Initiative in der Ukraine und treibt auch selbst Projekte voran.

Über das Projekt

Ukrainian Community of Dialogue Practicioners

Den sozialen Zusammenhalt stärken – auch mit Blick auf die Zeit nach dem Krieg

Seit der russischen Invasion im Februar 2022 haben sich die Herausforderungen im Land vervielfacht: Kriegsverbrechen der russischen Invasionstruppen – Vergewaltigungen, Erschießungen oder die Verschleppung von Kindern – traumatisieren Teile der Zivilbevölkerung. Soldat:innen kehren versehrt an Geist und Körper von der Front zurück. Der Beschuss von Städten im ganzen Land mit Drohnen und Raketen trifft alle Mitglieder der Gesellschaft. Flucht und Vertreibung reißen Familien und Gemeinden auseinander. Vor allem Letzteres fragmentiert die Gesellschaft und gefährdet den sozialen Zusammenhalt in weiten Teilen der Ukraine.

Angesichts der vielfältigen Herausforderungen haben die Mitglieder von UCoDP Dutzende Projekte in verschiedenen Regionen des Landes durchgeführt, von Ost bis West. Dabei konzentrieren sie sich auf Konflikt- und Traumasensibilität und vermitteln den Ukrainer:innen die Fähigkeit, ihre Resilienz aufrechtzuerhalten und innergesellschaftliche Konflikte zu bewältigen. Im Blick hat die Initiative damit auch den Wiederaufbau und den sozialen Zusammenhalt nach einem Ende des Krieges.

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Session der Ukrainian Community of Dialogue Practicioners in Kyjiw 2024
Zentral für die "Ukrainian Community of Dialogue Practicioners": Wissen und Methoden weitergeben – hier eine Seminar zu Dialog-Instrumenten in Kyjiw, 2024

Im ganzen Land werden Menschen im Umgang mit innergesellschaftlichen Konflikten geschult

Ein Beispiel für die Arbeit innerhalb der UCoPD ist das Projekt der „mobilen Teams“. Ursprünglich als Soforthilfe für lokale Konflikte gedacht, hat sich daraus ein umfassende Schulungs- und Betreuungsprogramm für Aktivist:innen und Vertreter:innen der lokalen Behörden entwickelt. Sie werden darin geschult, Konflikte in ihren Gemeinden durch einen dialogischen Ansatz zu lösen. Dabei werden sie kontinuierlich von erfahrenen UCoDP-Mitgliedern angeleitet. An der Initiative, die in Lviv, Iwano-Frankiwsk, Ternopil und Czernowitz durchgeführt wurde, nahmen bislang mehrere tausend Menschen teil.

In Zusammenarbeit mit der Right to Protection (R2P) Foundation und dem Salzburg Global Seminar hat die UCoDP ein zweijähriges Schulungsprogramm für Mediator:innen in der Ukraine entwickelt, das auch Mentoring und Vernetzungsmöglichkeiten bietet. Ebenso hat die UCoDP auf dem Gebiet der Konfliktsensibilität ein Forschungsprojekt realisiert. Die Erkenntnisse daraus sollen helfen zu verhindern, dass Interventionen unbeabsichtigten Schaden anrichten.

Und wie schätzen die Beteiligten das bisher Erreichte ein? „Während herkömmliche Kennzahlen wie Teilnehmerzahlen und Anzahl der Fälle einen gewissen Einblick bieten, konzentriert sich UCoDP auf umfassendere, transformative Ziele“, sagt UCoDP-Sprecherin Tetiana Grynova. Dazu zählen der Aufbau einer Kultur des Dialogs und der Konfliktlösung, das Fördern lokaler Eigenverantwortung, das Erzielen systemischer Wirkung durch Politikberatung und Interessenvertretung sowie das Schaffen von Wissen durch methodologischen Fortschritt. „Der Kreis qualifizierter Dialogfachleute in der Ukraine wächst ebenso wie die internationale Anerkennung lokaler Expertise“, sagt Olena Kukhar. „Das ist ein erheblicher Fortschritt.“

Dossier zum Thema

Wie wir die Ukraine unterstützen

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Ein Programm bereitet Familien und Gemeindemitglieder auf die Rückkehr von Kriegsveteran:innen vor

Besondere Bedeutung haben jene Projekte, die von UCoDP-Mitgliedern initiiert und geleitet werden. Sie geben den lokalen Expert:innen die Möglichkeit, eigene Prioritäten zu setzen. „So vermeiden wir typische Beschränkungen bei klassischen Modellen der Entwicklungszusammenarbeit, bei denen Prioritäten oftmals extern festgelegt werden“, sagt Sprecherin Tetiana Grynova.

Zu den wichtigsten Beispielen gehört die Unterstützung für Kriegsveteran:innen, wenn diese in die Heimat zurückkehren. Meist haben sie an der Front körperliche oder seelische Wunden davongetragen. Die UCoDP bietet deshalb eine Ausbildung zum „Verteidiger zu Hause“: Dieses Programm, so Olena, helfe Familien, Sozialarbeiter:innen, Pädagog:innen und Gemeindemitgliedern, die zurückkehrenden ehemaligen Soldat:innen mit Würde und Bewusstsein für deren besondere Situation in ihre Gemeinschaften zu integrieren.

Eine andere Zielgruppe der UCoDP sind die zahllosen Binnenvertriebenen innerhalb der Ukraine. Wichtig sei es, so Olena Kukhar, in Städten und Gemeinden einen neuen sozialen Zusammenhalt zwischen der etablierten Bevölkerung und den Neuankömmlingen zu schaffen.

Dazu haben in den Regionen Dnipro und Iwano-Frankiwsk mehrere Fokusgruppen Narrative herausgearbeitet, die Binnenvertriebene und Einheimische entweder vereinen oder trennen. „Diese Erkenntnisse fließen in Modelle für den Aufbau eines stärkeren sozialen Zusammenhalts in lokalen Gemeinschaften ein“, erklärt Olena Kukhar.

Hoffnung in konkretes Handeln übersetzen

Olena Kukhar füllt eine Doppelrolle aus: Einerseits koordiniert und organisiert sie zahlreiche Projekte der Community in der Ukraine. Andererseits betreut sie eigene Vorhaben, etwa bei der Vermittlung gewaltloser Kommunikationsformen. Zusätzlich steht sie anderen Mediator:innen der Community zum Gespräch zur Verfügung, hört sich deren Nöte und Sorgen an. 

„In gewisser Weise kümmere ich mich um die Kümmerer“, sagt sie. „Dabei kommt es vor allem darauf an, zuzuhören und mit Empathie zu agieren. Manchmal werde ich dabei geradezu mit Information vollgeladen.“ Die Geschichten, die sie dabei hört, seien meist nicht einfach zu verarbeiten – ein Grund, warum Olena von der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit überzeugt ist.

Egal, ob in ländlichen Gemeinden oder in der Hauptstadt Kyjiv: Der Winter 2025 ist in der Ukraine geprägt von Gedanken an eine ungewisse Zukunft. Für Olena Kukhar wie für alle Ukrainer:innen stellt die derzeitige Lage des Krieges eine große Belastung dar. „Das Gefühl ist derzeit: Die große Katastrophe liegt im Bereich des Möglichen“, sagt sie. 

Umso wichtiger ist es ihr, die Hoffnung nicht zu verlieren. Und diese Hoffnung in konkretes Handeln zu übersetzen. Damit die Ukrainer:innen resilient bleiben und füreinander da sind.

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Die Ukraine-Förderung der Robert Bosch Stiftung

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